„Öffentlichkeit entsteht, wenn der Konsens zusammenbricht“ – Silke Wagner über politische Kunst und Repression

17. Juni 2011 | Von | Kategorie: Kultur

Als Künstlerin arbeitet Silke Wagner zu sozialen, politischen und ökologischen Themen. Oft in Kooperation mit gesellschaftlichen Initiativen vor Ort initiiert sie Aktionen jenseits der traditionellen künstlerischen Medien und Aktionsfelder. Dabei geriet sie wiederholt in Konflikt mit den Behörden und der Justiz. Für das DISS-Journal sprach Rolf van Raden mit der engagierten Künstlerin.

Das Interview erschien im DISS-Journal 21/2011. Das gesamte Heft gibt es hier als pdf-Datei zum Download.

Zur Person. Von 1995 bis 2001 studierte Silke Wagner an der renommierten Städelschule – Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt. Für bundesweite Aufmerksamkeit sorgte sie erstmals vor zehn Jahren mit ihrem Projekt bürgersteig. Im Rahmen der Kunstaktion erwarb sie einen VW-Bus, der eineinhalb Jahre lang von antifaschistischen und antirassistischen Gruppen genutzt und jeweils umgestaltet wurde. Im Juli 2001 entstand so in Münster etwa ein „Fluchthilfewagen“ – also ein Fahrzeug, mit dem Flüchtlinge heimlich und ohne Genehmigung über Grenzen transportiert werden könnten. Die letzte Station des Projekts in Frankfurt am Main hatte eine gerichtliche Auseinandersetzung zur Folge. Gemeinsam mit dem antirassistischen Netzwerk kein mensch ist illegal war das Fahrzeug so hergerichtet worden, dass es originalgetreu einen Lufthansa-Shuttlebus nachahmt – einziger Unterschied: Der Bus war mit „Lufthansa Deportation Class“ beschriftet, um gegen die Rolle der Fluggesellschaft bei der Abschiebung von Flüchtlingen zu protestieren. Vor Gericht erwirkte der Lufthansa-Konzern eine einstweilige Verfügung. Silke Wagner drohte ein Ordnungsgeld in Höhe von bis zu 255.000 Euro, sollte der Bus weiter verwendet werden. Wagner und VertreterInnen von kein mensch ist illegal Hanau zogen in einem Widerspruchsverfahren vor das Landgericht. Dieses hob die Verfügung schließlich mit dem Hinweis auf die künstlerische und politische Meinungsfreiheit auf.
Bereits im darauf folgenden Jahr geriet Silke Wagner erneut in Konflikt mit den Behörden. Im Rahmen einer Ausstellung des Kunstvereins Wolfsburg gab sie eine Broschüre mit dem Titel „Schutzehe“ heraus. Das Heft enthielt Informationen darüber, wie drohende Abschiebungen durch eine Heirat verhindert werden können. Bereits 24 Stunden nach der ersten Verteilung erklärte die Stadt Wolfsburg, die Hefte würden eingezogen, weil sie angeblich zu einer Straftat anstifteten. Die Staatsanwaltschaft nahm Vorermittlungen wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ auf. Erst lange nach der Vernichtung der Broschüren stellten Polizei und Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Zwei Rechtsgutachten ergaben, dass in den zerstörten Heften keine verbotenen Inhalte zu finden waren. Der Eingriff in die künstlerische Freiheit war also ohne Rechtsgrundlage erfolgt. 2003 konnte die Broschüre schließlich anlässlich einer Ausstellung in Bremen im Internet veröffentlicht werden. Dort ist sie bis heute zu lesen, ohne dass deshalb erneut rechtliche Schritte gegen Silke Wagner eingeleitet worden sind.
Daneben schuf Silke Wagner in den vergangenen Jahren Skulpturen, Videokunst und Neon-Installationen, wobei sie unter anderem an Widerstandskämpfer und Opfer des NS-Regimes erinnerte. In der niederländischen Stadt Utrecht organisierte sie 2006 zusammen mit dem Bildhauer Sebastian Stöhrer die Aktion „Coöperatie Terwijde“, bei der die BewohnerInnen im Sinne von Nachbarschaftshilfe eigene Projekte realisierten. Im Rahmen des Frankfurter Kunstfestivals „Playing the City“ arbeitete sie mit Dona Carmen zusammen, einem Verein für die sozialen und politischen Rechte von Prostituierten. In den Jahren 2007 und 2009 hatte Silke Wagner eine Gastprofessur an der Züricher Hochschule für Gestaltung inne.

Vom Mitmachprojekt bis zur NeonröhrenInstallation, vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus bis zur Prostitution: Die von Ihnen gewählten Formen sind so vielfältig wie die Themen, mit denen Sie sich beschäftigen. Gibt es ein verbindendes Konzept, einen gemeinsamen Anspruch?

So unterschiedlich ist das alles gar nicht. Man könnte sagen: Ich entwickle künstlerische Modelle für die Herstellung von Öffentlichkeit. Es geht darum, dass soziale und politische Prozesse sichtbar werden. Wenn ich mit einem Projekt beginne, komme ich immer vom Thema her. Ich recherchiere zuerst, und daraus entwickelt sich dann die formale Umsetzung. Daran liegt es wohl, dass es bei den verschiedenen Arbeiten eine so unterschiedliche Formsprache gibt.

Viele von Ihren Projekten haben mit dem öffentlichen Raum zu tun.

Ja, mir geht es um den Begriff der Öffentlichkeit. Unter öffentlichen Räumen versteht man zunächst einmal Plätze, die frei und für jeden zugänglich sind. Auch das Internet ist Teil des öffentlichen Raums. Dass diese Räume existieren, bedeutet aber nicht automatisch auch das Vorhandensein von Öffentlichkeit. Öffentlichkeit muss aktiv hergestellt werden – und zwar durch die Artikulation von verschiedenen Interessen und durch eine Auseinandersetzung um gesellschaftliche Fragen. Öffentlichkeit entsteht, wenn der Konsens zusammenbricht. Das ist die Voraussetzung für demokratische Prozesse.

Einige Ihrer Projekte und Arbeiten sind auch in den klassischen Institutionen der Kunst angesiedelt, also in Ausstellungsräumen. Macht das einen großen Unterschied im Vergleich zur Kunst im öffentlichen Raum?

Der Zugang ist ein anderer. Es gibt für Viele sicherlich eine Hemmschwelle, Kunstinstitutionen zu betreten. Viele Häuser versuchen, mit ihrem Veranstaltungsprogramm dem entgegenzuwirken und ein breiteres Publikum anzusprechen, um dadurch langfristig die Besucherstrukturen zu verändern. Trotzdem ist es häufig ein ganz spezifisches Publikum, das Museen und Ausstellungen besucht. Im öffentlichen Raum dagegen ist die Konfrontation direkter, und es treffen mehr Teilöffentlichkeiten aufeinander.

Sind Kunsträume besondere Räume, zum Beispiel weil das Grundgesetz so etwas wie ein Grundrecht auf Kunstfreiheit postuliert?

Ja, die Institutionen der Kunst sind auch Schutzräume, die für kulturelle Produktion wichtig sind. Deshalb sollte man sie keinesfalls aufgeben. Gleichzeitig bietet der öffentliche Raum andere Möglichkeiten, insbesondere was die Wirksamkeit von einzelnen Arbeiten angeht. Wenn man als Besucherin oder Besucher einen Ausstellungsraum betritt, erwartet man, dass man Kunst sieht. Nicht jede Arbeit aus dem öffentlichen Raum hätte dort die gleiche Wirkung. Sie kann dadurch auch entschärft werden. Wäre die Schutzehe-Broschüre damals zum Beispiel ausschließlich im Kunstverein ausgestellt worden, dann hätte es wohl nicht so eine heftige Reaktion gegeben. Die Broschüren sind aber in einer hohen Auflage verteilt worden. Dadurch hat die Geschichte eine ganz andere Brisanz erhalten. Trotzdem war die direkte Anbindung an die Institutionen der Kunst natürlich ganz wichtig.

Mit Kunst in den öffentlichen Raum zu gehen ist die eine Bewegung – gesellschaftliche Auseinandersetzungen in die Ausstel lungsräume hinein zu tragen eine andere. Muss man dabei genauso Widerstände überwinden?

Das hängt immer von der inhaltlichen Ausrichtung der einzelnen Institutionen ab. Viele geben sich große Mühe, gesellschaftliche Themen herein zu holen. Beides ist gar nicht so widersprüchlich, nur ist die Form im Museum häufig eine andere als die im öffentlichen Raum.

Bei dem Schutzehe-Projekt haben Polizei und Staatsanwaltschaft gegen Sie wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ ermittelt. Beim bürgersteig-Projekt mussten Sie vor Gericht ziehen, weil die Lufthansa die Aktion per einstweiliger Verfügung gestoppt hat. In beiden Fällen ist heute klar, dass Sie juristisch im Recht waren. Trotzdem sind die Schutzehe-Broschüren vernichtet, und Gerichtsprozesse gelten ja auch nicht gerade als nervenschonend. Wie gehen Sie damit um?

Wenn man im öffentlichen Raum arbeitet, kann man die Reaktionen nicht voraussehen. Man kalkuliert bestimmte Reaktionen ein, trotzdem kann das je nach Projekt sehr unterschiedlich verlaufen. Während des bürgersteig-Projekts in Münster entstand zum Beispiel eine Zeitung, in der ein Interview mit einem Fluchthelfer zu lesen war. Im Gegensatz zur Schutzehe-Broschüre gab es in Münster keine Versuche, das zu kriminalisieren. Kunst im öffentlichen Raum ist eine Möglichkeit um auszuprobieren, wie weit man bestimmte Grenzen verschieben kann und wie weit die Freiheit, die ja überall postuliert wird, tatsächlich reicht. Man sollte sich nicht selbst in der Auswahl der Themen beschränken, aus Angst vor Repressionen.

Arbeiten, die im öffentlichen Raum anecken, werden häufig auf der Ebene von Provokation wahrgenommen.

Der Faktor Provokation interessiert mich nicht wirklich. Ich entwickle keine Arbeiten mit diesem Ziel. Es geht mir darum, Diskussionen über bestimmte Themen entstehen zu lassen.

Sind denn die Arbeiten, über die am meisten gestritten wird, gleichzeitig auch die wirksamsten?

Ich glaube schon, dass es auch weniger öffentlichkeitswirksame Projekte gibt, die wichtig sind. Aber Schutzehe und bürgersteig haben mehr als manch andere Arbeiten politisch Präsenz gezeigt, und das ist schon ein Erfolg.

Wie kann man die politische Wirkung dieser Projekte beschreiben?

Sie eröffnen eine andere Perspektive. Sie führen eine andere Sprache ein. Wenn wir zum Beispiel von Schutzehe sprechen, dann ersetzt das diesen schrecklichen Begriff „Scheinehe“, der die Tatsachen verfälscht und vor allem dazu dient, Maßnahmen gegen die Betroffenen zu legitimieren. Bei dem Projekt Schutzehe wird nicht anonym von Menschen als Problem gesprochen, sondern wir lassen Menschen über ihre eigenen Probleme sprechen. Diese Perspektivierung hat Wirkungen, die weit über das rein Sprachliche hinausgehen. Gleichzeitig wird die Schutzehe-Homepage bis heute auch ganz einfach als Informationsquelle genutzt. Das ist natürlich ebenfalls begrüßenswert.

Silke Wagner from white tube on Vimeo.

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