Ruhrgebiet: Keine Metropole. Jürgen Link über Kultur und Widerstand

10. Juni 2010 | Von | Kategorie: Politik & Gesellschaft
Jürgen Link, geb. 1940, lehrte 25 Jahre als Professor für Literaturwissenschaft in Bochum und Dortmund. Seine Normalismustheorie gilt als eine der zentralen Weiterentwicklungen der Diskursanalyse im Anschluss an Michel Foucault. Link engagierte sich sowohl in Paris als auch im Ruhrgebiet in der 68er-Bewegung. Er ist Herausgeber der Zeitschrift „KultuRRevolution“ und Romanautor. Am 15. Juni kehrt er an die Ruhr-Uni zurück, und zwar für eine Doppellesung unter dem Motto „Kulturhauptstadt auf eigene Faust“. Die bsz sprach mit Jürgen Link über das Ruhrgebiet, die Kultur und den Widerstand.

Das Ruhrgebiet soll eine Metropole werden, und die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 ist ein Vehikel dafür. Das Jahr 2010 ist jetzt zur Hälfte vorbei – ist dieses großangelegte Projekt gerade dabei zu scheitern?

Vor zehn Jahren sollten die Olympischen Spiele unbedingt an die Ruhr geholt werden, jetzt haben wir die Kulturhauptstadt. Trotz all solcher Bemühungen ist es bisher noch nicht gelungen, das Ruhrgebiet zu metropolisieren. Diese ganzen Anstrengungen haben eine große Ambivalenz. Denn zunächst einmal handelt es sich ja um eine riesige Reklamekampagne: Der Standort soll im Sinne des Kommerziellen gepusht werden.

Was bedeutet Metropole?

Metropolisieren heißt im Fall der Kulturhauptstadt zentralisieren und hierarchisieren. Natürlich will man mit Großprojekten wie den Schachtzeichen-Ballons oder der Tafel auf der A40 auch die Basis etwas kitzeln. Aber dann setzt sofort eine Selektion ein: Breites Medienecho bekommt, was massenweise absetzbar ist und reklamemäßig etwas bringt. Damit fallen diese Aktionen sich selbst in den Rücken, denn sie können die Basispotenziale nicht wirklich aufnehmen.

Ist die Kulturhauptstadt einfach schlecht gemacht, oder gibt es im Ruhrgebiet etwas, was sich gegen diese Pläne sträubt?

Das Ruhrgebiet hat kein Zentrum, sondern die Struktur eines dezentralen Ballungsraums. Seit langer Zeit wird immer wieder versucht, das Ruhrgebiet zu entballen, um es zentralisieren zu können. Das gelingt nicht, und das hat mit der Geschichte zu tun. Die Preußen haben absichtlich vermieden, hier zentrale Strukturen reinzubauen, weil sie Angst vor Aufständen und Unruhen im Ruhrgebiet hatten. Das geht bis hin zu den hohen Gerichtsinstanzen: Das Oberlandesgericht liegt am Rande des Ruhrgebiets in Hamm, und der Regierungspräsident sitzt in Arnsberg. Deswegen ist das Ruhrgebiet zersiedelt. Und so ein Ballungsraum ist nicht einfach zentralisierbar.

Bleibt das Ruhrgebiet deswegen provinziell?

Der Begriff der Provinz ist ja selbst schon ein metropolitaner Begriff, der alles diskreditieren soll, was nicht zentralisiert ist. Im Zeitalter der elektronischen Massenmedien ist die ganze Welt provinziell, das drückt sich ja auch in solchen Vorstellungen wie dem „globalen Dorf“ aus. Die Mythen der großen Metropolen wie New York sind ja auch äußerst brüchig geworden. Der Vorwurf des Provinzellen muss uns überhaupt nicht jucken.

Was bringt diese nicht zentralisierte Struktur des Ruhrgebiets denn hervor?

In ihr wachsen unglaublich viele Sprossen, die große kreative Potenziale freisetzen, auch im kulturellen Bereich. Das sind Projekte, die von unten kommen, Quertriebe bilden und sich mit anderen vernetzen. Ich glaube, mein Ruhrgebietsroman „Bangemachen gilt nicht“ ist auch ein Teil dieser Struktur.

Wie sieht denn das Ruhrgebiet aus, das in dem Roman sichtbar wird?

Es geht genau um dieses Tauziehen, über das wir gerade sprechen: Hinter der Metropolenvorstellung steckt die Monopolstruktur. Und diese Strukturen kann man im Ruhrgebiet auch ganz klar benennen, zum Beispiel mit Thyssen-Krupp, E.ON oder der WAZ. Eine der Hauptfiguren in meinem Roman ist der sogenannte V-Träger, also der Verantwortungsträger. Das kommt von einem Witz, den sich die Arbeiter erzählen: „Ihr tragt die schweren T-Träger, ich trage die Verantwortung.“ Der V-Träger ist die metropolisierende, zentralisierende Kapitalsinstanz. In meinem Roman befindet er sich in Therapie und labert endlos vor sich hin. Auf der anderen Seite stehen die Figuren und Kollektive an der Basis. Hauptsächlich ist der Roman eine Geschichte der 68er-Bewegung im Ruhrgebiet. Ich beschreibe Prozesse der Normalisierung und Denormalisierung, es gibt Zukunftssimulationen und Rückblicke, bis zurück zur Roten Ruhr-Armee aus dem Jahr 1920.

Lässt sich das Ruhrgebiet schlechter normalisieren als andere Regionen?

Das Ruhrgebiet ist das größte Gebiet in Europa, in dem eine radikale Deindustrialisierung stattfindet. Deswegen ist hier aus der Sicht der Kapitalinteressen ein besonders großer Teil der Bevölkerung überflüssig. Das ist ein Grund dafür, warum die überall stattfindende Prekarisierung hier besonders schlimm ist. Dabei muss man die Überalterung auch als Phänomen der Prekarisierung verstehen, genauso wie Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlte, ungesicherte Beschäftigungsverhältnisse. Das Ruhrgebiet war nie besonders normal, abgesehen vielleicht von der kurzen Wirtschaftswunder-Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt ist es in einem besonders starken Denormalisierungsprozess.

Was ist denn die richtige Antwort auf diese Entwicklungen? Kulturpessimismus und Lethargie?

Sicherlich nicht. In meinem Roman steht ja auf der einen Seite der V-Träger, und auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von Linksintellektuellen, die „Ursprünglichen Chaoten“. Es stimmt, ich erzähle in dem Buch, wie deren kollektives „Wir“ von 1965 bis 1995 zunehmend zerbröckelt. Aber dieser Zerbröckelungsprozess ist kein Konversionsprozess, in dem die Figuren komplett umgedreht werden. Das ist der positive Befund: Die einzelnen, zerbröckelten Atome bleiben weiter geladen mit Widerstandspotenzial.

Erschienen in der bsz Nr. 831. Das Gespräch führte Rolf van Raden.

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