Kolumne: So ein Theater
2. April 2010 | Von admin | Kategorie: KulturEs gibt keine Krise, von der man nicht profitieren könnte. Griechenland soll doch seine Inseln verkaufen – das haben der Vorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung Josef Schlarmann und der FDP-Finanzpolitiker Frank Schäffler unisono gefordert. Die Bildzeitung sekundiert in gewohnt großen Lettern: „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen – und die Akropolis gleich mit!“ Etwas kleiner ist zu lesen: „Ihr kriegt Kohle. Wir kriegen Korfu.“ Die WAZ geht auf ihrem Internetportal noch einen Schritt weiter und veröffentlicht eine Diashow: „Elf Inseln, die wir den Griechen jederzeit abkaufen würden.“ Auch hier dabei: Korfu, Kreta, Ithaka – ist ja auch gerade mal 65 Jahre her, dass Deutsche dort das Sagen hatten, und nebenbei 130.000 GriechInnen ermordeten oder verschleppten.
„Griechenland hat lange für die Freiheit dieser Inseln gekämpft“, lehnt Ministerpräsident Giorgos Papandreou die infame deutsche Einkaufstour ab und verabschiedet doch gleichzeitig ein Privatisierungsprogramm, das seinesgleichen sucht. Sparmaßnahmen im öffentlichen Dienst, im Bildungs- und Sozialbereich – das ist nur die Spitze des Eisbergs. Außerdem steigt die Mehrwertsteuer auf 21 Prozent, die Renten werden eingefroren. Gegen das massive Kürzungsprogramm, das vor allem die einfache Bevölkerung trifft, haben die Gewerkschaften zum Generalstreik aufgerufen. Zehntausende gehen gegen die Pläne auf die Straße, die griechische Polizei setzt Tränengas und Blendgranaten ein.
Was CDU, FDP, WAZ und BILD können, das können wir schon lange, dachten sich wohl die Verantwortlichen des kleinen Bochumer Off-Theaters an der Rottstraße 5. Auch die Theatertruppe um Regisseur und Schauspieler Arne Nobel nutzt die griechische Staatspleite, um sich effektvoll in Szene zu setzen: „Im März und April haben deshalb griechische Staatsbürger bei allen Vorstellungen der ‚Nach Troja‘-Trilogie freien Eintritt! Zudem spenden wir zehn Prozent der Einnahmen direkt an den griechischen Staat.“ Dass tatsächlich viele Griechinnen und Griechen das demütigende Kostenlos-Angebot nutzen, darüber müssen sich die PR-Genies an der Rottstraße sicherlich keine Sorgen machen. Gleichzeitig haben sie alle Lacher auf ihrer Seite.
Davon abgesehen: Spenden an diejenigen, welche die Misere verursacht haben, statt Unterstützung für die Betroffenen, die auf den Straßen von Athen bis Thessaloniki gegen die Sparmaßnahmen demonstrieren – das allein ist schon widersinnig genug. Der geneigte Theaterbesucher mag sich fragen, wofür die griechische Regierung die paar Euro fünfzig aus der Rottstraße wohl ausgibt: Ob es für eine weitere Blendgranate reicht oder doch nur für eine Ampulle Tränengas?
Das Schlimmste an der Bochumer PR-Aktion bleibt allerdings, dass aus ihr die gleiche unsympathische Arroganz spricht wie aus dem deutschen Insel-Verkaufsvorschlag. An den Bochumer Stammtischen kursieren schon die Griechenland-Witze: „Dass die nicht rechnen können, weiß doch jeder, der mal bei `nem Griechen essen war, hahaha!“ Die Rottstraße könnte ja mal einen „Griechen-Witze“-Themenabend veranstalten. Oder Spenden für mehr soziale Gerechtigkeit sammeln. Und an die FDP überweisen.
Erschienen in der bsz Nr. 823.



















Liebes Pressegenie!
dies ist kein PR-GAG! im Dezember und Januar hatten Studenten, die STREIKEN, freien Eintritt zu BILLY THE KID!!!
Ohne Griechenland kein Theater, kein Homer, keine Odyssee, keine NACH-TROJA-Trilogie!
Uns ist klar, dass wir nicht wirklich helfen können- aber es ist eine GESTE!
eine GESTE der Solidarität!
Ein paar Euro, fünzig… darum geht es ja gar nicht!
vor 4000 Jahren traten auf Bühnen griechische Männer und Frauen zusammen, um mit Texten die Götter herauszufordern!
Unsere Geste ist ein Zeichen gegen den Irrsinn der Finanzwelt, der neuen Götter von Wirtschaft, Aufschwung, Effektivität und ein Zeichen gegen Korruption und Bürokratie- wir versuchen das zu tun, was wir tun können! Das Wüten der Nazis ist uns mehr als bewußt!
Uns in einen Topf mit Stammtischhonks zu werfen, ohne nachzufragen, zeugt von einer Arroganz, die der des Herrn Außenministers und seiner Partei in nichts nachsteht.!
Kein Grieche empfand, dies als demütigend! Im Gegenteil am 1. mai werden wir mit griechischen Restaurants ein Grillfest veranstalten, um europäische Solidarität zu signalisieren und direkte Kontakte zu pflegen -ohne blöden Profit-Gedanken- Sie sind herzlich eingeladen, um zu recherchieren (das gehört, glaub ich zu Ihrem Job!!)!!!!
lg
arne nobel