Tune to America!

19. August 2008 | Von admin | Kategorie: Politik & Gesellschaft

Vom konservativen Polit-Talk zum anarchistischen Piratensender. Erschienen in bsz 556.

In zwölf Wochen wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Auch hierzulande ist die offizielle amerikanische Politik ein Top-Thema (siehe bsz 755). Doch die politische Landschaft in den Vereinigten Staaten umfasst viel mehr als nur Obama und seinen republikanischen Kontrahenten John McCain. Wer die Diskurse der amerikanischen Mainstream- und Subkultur nachverfolgen will, sollte jetzt weiterlesen: Die bsz lädt ein zu einer Audio-Rundreise durch die Vereinigten Staaten.

Wir beginnen unsere Reise bei den erzkonservativen Quotenkönigen der amerikanischen Network-Radios. Zwischen 14 und 20 Millionen US-AmerikanerInnen schalten pro Woche die „Rush Limbaugh Show“ ein, gefolgt von der Sendung des nicht minder angriffslustigen Talkmasters Sean Hannety. Die beiden millionenschweren Radiostars inszenieren sich als konservativ-patriotische Partisanen. Sie versprühen beißenden Spott und Hasstiraden gegen alles, was „unamerikanisch“, „liberal“, „ökologisch“ oder „links“ ist. Kontroverse Debatten über rassistische, antifeministische und homophobe Äußerungen der Talkmaster schrecken ihr hauptsächlich weißes Publikum nicht ab.

Anarcho-Kapitalisten on Air

Jedes Individuum hat das Recht, mit dem eigenen Besitz zu tun, was es möchte – das ist der Grundkonsens des Libertarismus. Diese kaptalistisch orientierte Ideologie ist in den USA weiter verbreitet als in Europa gemeinhin bekannt. Die „Libertarian Party“ ist gemessen an ihren Mandaten die drittgrößte Partei des Landes, und auch auf den Radiowellen haben die LibertarierInnen ihre Sendungen – allen voran die Call-In-Show „Free Talk Live“. Als Teil des „Free State Project“ ist die Show vor zwei Jahren nach New Hampshire umgezogen. Ziel der Kampagne ist es, 20.000 LibertarierInnen in dem kleinen Neu-England-Staat anzusiedeln, um New Hampshire zu einem Minimalstaat umzubauen, der lediglich das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum garantiert. In der Sendung geht es um die restriktive US-Drogenpolitik, das Steuersystem, Militär und Polizeigewalt, staatliche Überwachung und Zensur, die Einschränkung des Rechts auf freien Waffenbesitz, das öffentliche Gesundheits- und Bildungssystem, die Regulierung der Finanzmärkte – denn all das wird von den LibertarierInnen als staatliche Unterdrückung kritisiert.

Öffentlich-Rechtlich: NPR

Amerikanische Konservative kritisieren die Stationen des „National Public Radio“ (NPR) als staatlich geförderten Hort des Liberalismus. Linke KritikerInnen stellen dagagen fest, dass die öffentlichen Sender hauptsächlich Positionen einer gebildeten weißen Elite berücksichtigen. Trotzdem bilden die unkommerziellen NPR-Sender eine Alternative zu den kommerziellen Talk- und Newsformaten. Ihre Nachrichtensendungen „Morning Edition“ und „All Things Considered“ erreichen mit 12 beziehungsweise 13 Millionen ZuhörerInnen annähernd so viele Menschen wie Rush Limboughs konservative Erfolgsshow. Politisch unverdächtig sind die unterhaltsame Nachrichten-Quizsendung „Wait Wait… Don‘t Tell Me“ sowie die grandios komische Call-In-Show „Car Talk“. Hier lösen die studierten Bostoner Automechaniker und Tiefgaragenbesitzer Tom und Ray Magliozzi wöchentlich per Ferndiagnose Probleme, welche die AnruferInnen mit ihren Autos haben.

Progressive Talk

Was die Rechten können, können wir schon lange – das dachten sich vor vier Jahren liberale Investoren und gründeten mit „Air America“ ein kommerzielles Radio-Network, auf dem progressive Positionen, demokratische PolitikerInnen und BürgerrechtlerInnen eine Stimme haben sollten. Mit einer Mischung aus Nachrichten, Talkshows, Comedy und Interviews mischte „Air America“ den US-Radiomarkt auf, geriet aber schnell in finanzielle Probleme. Flaggschiff des Programms war die „Al Franken Show“, bis der bekannte Comedian und Autor 2007 die Sendung aufgab, um als demokratischer Kandidat für das Amt des Senators von Minnesota zu kandidieren. Seitdem füllt die „Ed Schultz Show“ den prominenten Sendeplatz. Neben weiteren linksliberalen Talk- und Nachrichtensendungen ist auf „Air America“ mit „Freethought Radio“ die einzige landesweit ausgestrahlte atheistische Radioshow zu hören. Die Sendung „Ring Of Fire“ klagt die amtierende Bush-Regierung und die Großkonzerne an. Außerdem ist auf Air America mit „Go Vegan“ das wohl weltweit einzige kommerzielle – also werbefinanzierte – vegane Radioprogramm zuhause.

Friedensbewegt

Das altehrwürdige unkommerzielle Radio-Netzwerk „Pacifica“ ist fest in der amerikanischen Friedensbewegung verankert. Über 130 Uniradios und lokale Community-Stationen übernehmen Programme der insgesamt fünf Network-Sender. Die wichtigste Pacifica-Sendung „Democracy Now!“ wird sogar auf insgesamt 700 Sendern ausgestrahlt – und inzwischen auch mit Bild im Kabelfernsehen. Die „Free Speach Radio News“ sind eine tägliche Nachrichtensendung, die ihren Schwerpunkt auf Friedensthemen und soziale Gerechtigkeit legt. Sie begleitet intensiv die politischen Entwicklungen in Lateinamerika. Das Netzwerk der weltweit tätigen freiberuflichen KorrespondentInnen wird durch Spenden finanziert. In die Kritik geraten ist immer wieder die propalästinensische Berichterstattung über den Nahost-Konflikt.

Anarchistische Piraten

Die Landschaft der lizensierten Radiosender in den USA ist unübersichtlich genug – für zusätzliche Vielfalt sorgt eine Bewegung aus Graswurzel-Piratensendern, die zum Teil kurzfristig-konspirativ, zum Teil aber auch in aller Öffentlichkeit auf Sendung gehen. In Kalifornien sendet „Free Radio Santa Cruz“ schon seit 13 Jahren ohne Lizenz. Der mit Abstand langlebigste Piratensender verstößt bewusst gegen amerikanische Gesetze und hat bis heute sein Recht auf Redefreiheit verteidigen können. Nach einer Razzia durch schwer bewaffnete Bundesbeamte im September 2004 ging der anarchistische Sender schon 48 Stunden später wieder auf Sendung, obwohl das gesamte Senderequipment beschlagnahmt worden war. Zwei weitere über das Internet empfangbare kalifornische Piratensender sind „Pirate Cat Radio“ (San Francisco) und das „San Francisco Liberation Radio“. Andere Stationen arbeiten mit mobilen Transmittern und sind nicht im Internet vertreten.

rvr

Sean Hannity Show auf WABC
Wochentags 21-24 Uhr (15-18 Uhr Eastern Time)

Rush Limbogh Show auf WABC
Wochentags 18-21 Uhr (12-15 Uhr Eastern Time)

Free Talk Live
Mo-Sa 1-4 Uhr (19-22 Uhr Eastern Time)
Streaming on demand

National Public Radio
Morning Edition
All Things Considered
NPR 24-hour Program-Stream
WUBR Boston Live
Car Talk On-Demand Stream
Wait Wait… Don’t Tell Me

Air America Radio
24-hour Stream
Ed Schultz Show Mo-Fr 18-21 Uhr (12-15 Uhr Eastern Time)
Freethought Radio als Podcast
Ring of Fire Stream
Go Vegan Radio On Demand

Pacifica Radio Network
Streams diverser Sendungen
Democracy Now! (on demand)
Free Speach Radio News (on demand)
Livestreams der Pacifica-Sender

Free Radio Santa Cruz
Live-Stream

Pirate Cat Radio San Francisco
Live-Stream

San Francisco Liberation Radio
Online-Stream

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