Alt, älter, am jüngsten

6. Juli 2005 | Von admin | Kategorie: Hochschule

666 Ausgaben und kein bisschen müde. Erschienen in bsz 666, 06.07.05

Am 15. Februar 1967 erblickt sie das Licht der Welt: Die „Bochumer Studenten Zeitung“. Als der AStA zwei Jahre nach der Gründung der Ruhr-Universität das griffige Kürzel bsz erfindet, ahnt noch niemand, was daraus einmal werden würde: Die älteste kontinuierlich erscheinende Studierendenzeitung in Deutschland. Wir zeichnen die spannende Geschichte der bisher 76 bsz-semester in fünf Schlaglichtern nach.

Als 1967 alles anfing, gab es die bsz für 10 Pfennige alle zwei Wochen beim AStA zu kaufen. Berichtet wurde in der Anfangsphase viel über Personalia und Entscheidungen der Verwaltung an der jungen Uni. Auch Meldungen von Presseagenturen wurden abgedruckt. Der AStA, der noch von den Fachschaften gewählt wurde, verstand sich als unpolitisches Organ. Dabei blieb es nicht lange, denn die Studierendenproteste erfassten auch die Ruhr-Uni. Schon im Mai 1968 charakterisierte sich die bsz so: „Die bsz ist eine vom Vorstand der Studierendenschaft herausgegebene politische Zeitung, wenn man will: Ein Kampfblatt“.

26. Juni 1973: bsz Nr. 111

Ausgabe 111 titelt mit dem Sturm von Sozialwissenschafts-Studierenden auf die Berufungskommission, um die Vergabe von freien Stellen auch an „fortschrittliche“ – also nicht konservativ gesinnte ProfessorInnen zu erreichen: „Damit wollen die Studenten dem reaktionären Verhalten der Professorenclique ein Ende bereiten, die schon seit langem und immer wieder versucht, hinter dem Rücken und gegen die Interessen der Sowi-Studenten ihre Reihen durch Gesinnungsgenossen zu ergänzen.“ Die bsz-Redaktion ruft außerdem zur Teilnahme an einer Uni-Vollversammlung auf und veröffentlicht den AStA-Rechenschaftsbericht: „2.500 Studenten beteiligten sich an der Vietnam-Demonstration im vorigen Sommer, fast 2.000 kamen spontan zusammen, als die Politische Polizei im Zuge der RAF-Hetze brutal und ohne Grund mehrere Bochumer Studenten festnahm.“ Einige RUB-Fachschaftsvollversammlungen haben nach der „Besetzung der Universität Heidelberg durch 1.000 Polizisten“ den Streik beschlossen, und mit Psychologie-Professor Peter Brückner, der wegen angeblicher RAF-Unterstützung an vielen Universitäten Hausverbot erteilt bekommen hatte, ist vor 1.500 ZuhörerInnen ein „Teach-In“ durchgeführt worden. Der Streik wird insgesamt jedoch nicht als Erfolg bewertet: „Die Desorientierung und Verwirrung zeigte sich auch auf den Streikveranstaltungen, sie führte bis zu Schlägereien auf dem Podium.“

12. Januar 1980: bsz Nr. 222

Sieben Jahre und 111 Ausgaben später: Nachdem noch 1973 ein AStA aus RCDS und Sozialliberalem Hochschulbund gewählt worden war, hatte sich die politische Lage wieder geändert. 1978 erhalten die Basisgruppen im Studierendenparlament eine Mehrheit, so dass Themen wie Ökologie, Frieden und Antifaschismus ihren Platz in der bsz finden. In Ausgabe 222 ruft die bsz zu den Wahlen zum „Studentenparlament“ auf und schreibt: „War es vor 2 Jahren noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das durch nicht mehr als 20 Wählerstimmen entschieden wurde, so ist für die rechten Gruppen [...], die schon im vergangenen Jahr 1000 Stimmen an die Basisgruppen-Juso-LHV-MSB-SHB-Koalition abgeben mußten, diesmal kaum eine Chance auf ein besseres Abschneiden zu sehen [...]. So sehen wir von der bsz-Redaktion der SP-Wahl zuversichtlich entgegen. Die Möglichkeit, daß der RCDS die bsz wieder zur Studenten-Bildzeitung machen könnte, würde uns sonst glatt den Schlaf rauben.“ Endlich haben auch Frauenthemen ihren Raum erobert, was insbesondere an der Aktiviät des neuen Autonomen Frauenreferates liegt.

2. Mai 1988: bsz Nr. 333

1982 gewinnt die CDU die Bundestagswahl. An der RUB verlieren die ökologisch-alternativen Basisgruppen an Einfluss. Sozialdemokratisch und gewerkschaftlich orientierte Gruppen – namentlich der SHB und der MSB Spartakus – prägen immer mehr die Uni-Politik. In Ausgabe 333 kritisiert die bsz unter der Überschrift „Die Perestroika im AStA lässt auf sich warten“ die Situation, nachdem SHB und MSB das erste Mal gemeinsam die absolute Mehrheit errungen haben: „So besteht eine Diskrepanz, weil die Studierendenschaft eigentlich schon längst wieder einen AStA braucht, der neben Serviceleistungen eine Politik des Einmischens in große Politik betreibt und die alltäglichen Anliegen der Studierenden stärker zur Geltung bringt.“ In NRW beginnt mit dem Strukturplan der Landesregierung eine erste Phase des Bildungsabbaus: Zwischen 250 und 300 Stellen sollen an der RUB gestrichen werden, wogegen die bsz protestiert und zur Beteiligung an einer Vollversammlung aufruft. Auf einer Sonderseite erklärt sich die bsz mit der sandinistischen Revolution in Nicaragua solidarisch. Unter anderem zu lesen ist ein Reisebericht der „Brigade des DGB Landesbezirks NRW“, die gerade am Tag der Währungsreform in Nicaragua eingetroffen ist.

31. Januar 1995: bsz Nr. 444

1990 gewinnt die vom SHB gegründete TuWas-Liste bei den SP-Wahlen die absolute Mehrheit und stellt fortan alleine den AStA. Das hat auch Folgen für die bsz: Während bisher verschiedene Gruppen an der Zeitung beteiligt waren, soll die Redaktion jetzt aus sechs TuWas-Mitgliedern und nur einer Person aus der Fachschaftenvertretung besetehen. Nach Protesten gesteht der AStA drei FachschaftenredakteurInnen die Mitarbeit zu. Bis zur Ausgabe 444 ist aus der „Studentenzeitung“ dann auch endlich eine „StudentInnenzeitung“ geworden. Gleichwohl stellt die bsz in ihrer Titelstory unter der Überschrift „Fehlanzeige Frauenpolitik“ fest: „Frauenpolitik spielte bei der BSZ-Podiumsdiskussion aller zum StudentInnenparlament kandidierenden Listen keine Rolle.“ Ein Schwerpunkt über lokale Bochumer Themen deutet erste Schritte einer inhaltlichen Erweiterung an, die aber erst sechs Jahre später durch eine neue bsz-Struktur vollständig durchgesetzt wird.

29. Mai 2002: bsz Nr. 555

Die langjährige Dominanz der sozialdemokratischen TuWas-Liste wird erst 1997 durchbrochen. In Folge des Studierendenstreiks haben sich die linken Gruppen gemeinsam mit vielen Streik-Aktiven zur Linken Liste zusammengeschlossen, die zur größten politischen Gruppe an der RUB wird. Zu der bisher letzten bsz-Reform kommt es im Jahr 2001 unter einem AStA aus Linker Liste, Alternativer Liste und Faschaftsinitiative: Die Zeitung der Studierendenschaft soll nicht mehr primär unter der inhaltlichen Kontrolle des AStAs stehen, sondern wie eine Initiative funktionieren. Der AStA bleibt Herausgeber, schafft aber den Listenproporz ab, damit mehr Leute an der Zeitung mitarbeiten können. Gleichzeitig wird der Name in „Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung“ erweitert. Die bsz wird jetzt zu einer alternativen studentischen Stadtzeitung, die ein Bindeglied zwischen den kulturellen und politischen Szenen an der Uni und in Bochum darstellen soll. In diesem Format erscheint auch Ausgabe 555. Sie fällt mitten in die Streiks und Proteste gegen die von rot-grün geplanten Studien- und Einschreibegebühren. Während die Unis in Bielefeld, Wuppertal und Duisburg schon den Streik ausgerufen haben, steht in Bochum die Vollversammlung unmittelbar bevor, die für einen uniweiten Streik votieren wird. Die bsz begründet ihre Unterstützung für diese Form des Protests: „Ein Streik bedeutet aber nicht nur das Schaffen von Öffentlichkeit, sondern bietet auch die Möglichkeit, Universität einmal anders zu erleben. Seminare über kritische Wissenschaft oder feministische Theorie könnten zum Beispiel eine interessante Alternative zu stinklangweiligen Standartveranstaltungen sein. [...] Ein Streik ist die offensivste Methode, auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen.“

Alte Zeitung ganz jung

Die wechselvolle und aufregende Geschichte der bsz kann ohne Weiteres als eine Geschichte der Bochumer Studierendenschaft und der Ruhr-Universität insgesamt gelesen werden. Keine andere studentische Zeitung ist in der Bundesrepublik in so vielen Ausgaben erschienen. An keiner anderen Studierendenzeitung haben sich über so viele Jahre spannende, aber auch kontroverse Diskussionen entzündet. Die Redaktion ist sich dieser Verantwortung bewusst und wünscht dem einzigartigen Projekt bsz auch für die kommenden 76 Semester alles Gute.

rvr

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