„Keine Kohle für solche Kunst“
15. Juni 2005 | Von admin | Kategorie: KulturBochumer Theaterwissenschaft fordert Umverteilung. Erschienen in bsz 664.
Das Land NRW soll die Ruhrfestspiele in Zukunft nicht mehr finanziell unterstützen. Mit dieser Forderung hat das Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr-Uni die kulturpolitische Landschaft zwischen Rhein und Ruhr aufgemischt.
Die WissenschaftlerInnen und StudentInnen werfen dem Recklinghäuser Theaterfestival „drittklassige Eigeninszenierungen“, „vollkommen unre-flektierten Umgang mit der Tradition des deutschen Stadttheaters“ und eine „unverfrorene Zweit- und Drittverwertung älterer Theaterproduktionen“ vor. Anstatt Geld in ein überkommenes Festival zu stecken, solle das Land mit den Mitteln experimentierfreudige Institutionen und die freie Theaterszene unterstützen. Alles hat eine Vorgeschichte. Vor einem Jahr hatten der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Recklinghäuser CDU-Bürgermeister Wolfgang Pantförder in einer konzertierten Aktion für die Entlassung des künstlerischen Leiters der Ruhrfestspiele Frank Castorf gesorgt, und zwar nach nur einer Spielzeit. In den offiziellen Begründungen wurde hauptsächlich ökonomisch argumentiert und auf mangelnden ZuschauerInnenzuspruch hingewiesen.
DGB, oh je…
KritikerInnen hatten schon damals nachgewiesen, dass die Zahlen sich nicht wesentlich von denen der Ruhr-Triennale in ihrer ersten Spielzeit unterschieden haben. Die Entlassung sei also eine politische Entscheidung gegen das kontrovers diskutierte zeitgenössische und politische Programm Frank Castorfs gewesen. Die Bochumer Theaterwissenschaft nannte den Rauswurf einen „Methusalem-Komplott gegen die Zukunft des Theaters“.
Den Letzten beißen die Hunde
Nachdem sich in Folge des spektakulären Rauswurfs von Frank Castorf kein großer Name zur Nachfolge bereit erklärte, hat der Luxemburger Theaterintendant Frank Hoffmann das Festival übernommen. Was der aus den Ruhrfestspielen gemacht habe, sei nichts anderes als ein „marktorientierter Vorschlag zur Senkung von Kosten und Niveau“, heißt es in dem offenen Brief, der von den Bochumer Theaterwissenschafts-ProfessorInnen, Mitarbeitern und dem Fachschaftsrat unterzeichnet ist. Gegenüber der Konkurrenz der Stadttheater seien die Ruhrfestspiele keine Bereicherung: „Hier wird Kultur vom Land gefördert, die nicht wagt, was ohne öffentliches Geld nicht zu produzieren ist, sondern vormacht, wie man öffentliches Geld für am kommerziellen Erfolg orientierte Produktionen abzockt.“ In Recklinghausen werde „das Publikum nicht durch neue Impulse für das Theater von morgen interessiert, sondern mit bieder-saturierten Konserven auf das Theater von vorgestern eingeschworen.“ Insgesamt sei das Festival provinziell. Weil das einzige Bewertungskriterium für die Verantwortlichen der Kassenerfolg sei, müsse es „in Zukunft in die freie Konkurrenz mit anderen kommerziellen Kulturanbietern wie den verschiedenen Privattheatern und dem Starlight Express entlassen werden.“ Es könne nicht angehen, dass „mit öffentlichem Geld die Senkung des in der Region Rhein-Ruhr erreichten Niveaus finanziert wird.“
Im Zentrum der Diskussion
Markige Worte, die sich die Bochumer TheaterwissenschaftlerInnen aber leisten können. Wie kaum eine andere Institution in NRW hat sich das Institut für Theaterwissenschaft an der RUB in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum der Diskussion im Spannungsfeld zwischen Politik, gesellschaftlichen Diskursen und Theater profiliert. Mit zwei Veranstaltungsreihen „Zur Zukunft des Politischen“ im Bochumer Schauspielhaus wurde nach dem 11. September 2001 die Auseinandersetzung um die Begriffe „Ressentiment“, „Imperium“ und um das Verhältnis zwischen „Peripherie und Zentrum“ aufgegriffen. Zwei im Berliner Alexander Verlag erschienene Bände dokumentieren die Bandbreite der soziologischen, philosophischen, dramaturgischen und theaterwissenschaftlichen Ansätze.
Einheit aus Theorie und Praxis
Vor zwei Wochen hat das Institut gemeinsam mit dem Schauspielhaus Bochum und dem Siemens Arts Program zum interdisziplinären Symposium „Politik der Vorstellung“ eingeladen. Bei der Veranstaltung ging es auch darum, den Begriff des Politischen um Kategorien der Wahrnehmung und Darstellung zu erweitern, um über die eigenen Institutionen nachdenken zu können. Es gehört zu einer neuen Einheit aus Theorie und Praxis, dass sich die Bochumer TheaterwissenschaftlerInnen gerade jetzt während der schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen mit der provokanten Forderung nach Mittelkürzungen für die Ruhrfestspiele auf die politische Bühne wagen und so kulturpolitisch intervenieren. Dass die zugrundeliegenden Theater- und Theoriekonzeptionen sich nicht in die bequemen Elfenbeintürme der Wissenschaft und Theaterhäuser zurückziehen, gleichzeitig aber meilenweit von AgitProp-Vorstellungen der Siebziger Jahre entfernt sind, ist ihre große Chance – hat aber auch dazu geführt, dass die alten Herren des DGB und der Stadt Recklinghausen die Bochumer Kritik an den Ruhrfestspielen bisher höchstens konsterniert zur Kenntnis genommen haben.
rvr
