Samstags keine Sonntagsreden

9. März 2005 | Von admin | Kategorie: Hochschule

Bochum diskutiert über Studiengebühren. Erschienen in bsz 654, 09.03.05

Die einen nennen es eine „Radio-Legende“, der WDR selbst bezeichnet die Sendung als „Forum für demokratische Kultur“. Schon lange, bevor sich private Infotainment-Formate in den Medien breit machten, hatte sich „Hallo Ü-Wagen“ einen Ruf als unterhaltsame Diskussionssendung erworben, die sich sowohl den großen politischen als auch den kleinen persönlichen Fragen des Alltags widmet – und in der unzensiert und live BürgerInnen quasi von der Straße ihre Meinung sagen können.

Am vergangenen Samstag war der Ü-Wagen zu Gast in Bochum. Das Thema der Sendung rief eine Menge StudentInnen auf den Plan: „Wird Studieren unerschwinglich? Studiengebühren“. Die Auswahl der eingeladenen ExpertInnen, die ihr Wissen an der Ecke Husemannplatz/Huestraße in die Diskussion einbringen sollten, ließ zunächst einmal Schlimmes befürchten. Denn neben dem Vorsitzenden des Aktionsbündnisses gegen Studiengebühren (ABS), Ernest Hammerschmidt, hatte sich eine breite Riege von Gebühren-Befürwortern versammelt: Allen voran gab Frank Ziegele von der Bertelsmann-Lobbyorganisation Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) den Vorkämpfer für eine weitere Komerzialisierung und Privatisierung der deutschen Uni-Landschaft.

Gebühren-Befürworter fast unter sich

Für die CDU kündigte der wissenschaftspolitische Sprecher der NRW-Landtagsfraktion Manfred Kuhmichel an, seine Partei wolle zeitnah Gebühren von bis zu 500 Euro pro Semester einführen, wenn die Wahlen im Mai eine CDU-FDP-Koalition zuließen. Hartmut Krebs vom NRW-Wissenschaftsministerium verurteilte zwar die CDU-Studiengebührenpläne, verteidigte aber die rot-grünen Studienkonten. Für die Leitung der Ruhr-Uni sprach Prorektor Elmar Weiler als ein Meister der unklaren Statements: Zwar seien Studiengebühren nicht so schlimm, andererseits würde es sicherlich auch ohne gehen.

Fragen von der Straße bringen ExpertInnen ins Schwitzen

Es ist nicht nur dem Sendekonzept, sondern vor allem der Moderatorin Julitta Münch zu verdanken, dass die Diskussion weder in Sonntagsreden noch als Streitgespräch von selbsternannten ExpertInnen endete, die alle fast die gleiche Meinung haben. Denn gleich zu Beginn wurde das Podium geöffnet und PassantInnen durften ihre Position kund tun. Und im Laufe der Sendung fanden sich dann auch immer mehr StudentInnen ein, deren konkrete Fragen die Politiker ins Schwitzen hätte bringen können – wären da nicht die Minustemperaturen gewesen. Manfred Kuhmichel von der CDU-Landtagsfraktion geriet ins Schwimmen, als kaum eineR der Anwesenden ihm abnahm, dass Studiengebühren mit der NRW-CDU niemals über 500 Euro pro Semester steigen würden. Auf diese Art in die Zange genommen gestand er ein, dass diese Zusage nur für die kommenden fünf Jahre gelte. Auch NRW-Staatssekritär Hartmut Krebs kam mit seinen Behauptungen nicht durch. Der SPD-Politiker behauptete, dass durch Gebühren und den damit zu erwartenden Schwund von Studierenden kleine Studiengänge nicht in Gefahr gerieten. Schließlich seien diese Fächer dem Ministerium sehr wichtig, und das entscheide letztendlich über eine Einstellung. Die inzwischen anwesenden RUB-StudentInnen entgegneten, dass gerade auf Betreiben des Minsteriums Studiengänge wie die Skandinavistik in Bochum eingestellt wurden.

Kleine Fächer gefährdet?

Die Moderatorin Julitta Münch räumte den persönlichen Erfahrungen der anwesenden Studierenden den entsprechenden Raum ein, so dass sie klar machen konnten: Schon jetzt kostet das Studium eine ganze Menge Geld, und eine weitere Ausdehnung hätte für die einzelnen Bildungsbiografien verheerende Folgen. Und auch den Argumenten von ABS-Sprecher Ernest Hammerschmidt hatten die Studiengebühren-Befürworter nichts konkretes entgegen zu setzen: Auf seinen Vorschlag, das progressive Steuersystem auszubauen, anstatt durch Gebühren den Uni-Zugang weiter einzuschränken, gingen weder SPD- und CDU-Vertreter, noch der Bertelsmann-Lobbyist Frank Ziegele ein.

rvr

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