Football und Atombomben

18. März 2005 | Von admin | Kategorie: Hochschule, Reise

Ein Besuch an der reichsten Uni der Welt. Erschienen in bsz 655, 18.03.05

Harvard liegt in Cambridge. Harvard ist aber nicht Cambridge University, die zweitälteste Universität Englands, sondern die älteste Hochschule in den USA. Das sorgt manchmal für Verwirrung in der alten Welt, denn gemeinhin wird Harvard der Stadt Boston zugerechnet. In Wirklichkeit trennt Boston und Cambridge der schmale Charles River. Wenn es nach den EinwohnerInnen geht, dann trennen die beiden Städte jedoch Welten.

Als Bostons „left bank“ wird Cambridge bezeichnet. Das bezieht sich nicht nur auf die geographische Lage, sondern vor allem auf die politische Stimmung. Während sich San Francisco in den sechziger Jahren zum Zentrum der Hippie-Bewegung mauserte, verstand sich Cambridge als der links-intellektuelle Gegenpart an der Ostküste. Diese Zeiten sind vorbei, auch wenn die Kneipe „The People‘s Republik“ in der Massachusetts Avenue noch heute mit sozialistischen Preisen wirbt: „Drink beer – it‘s cheaper than gasoline“. Die Aufmüpfigkeit hat Cambridge nicht verloren. Das von der konservativen Landeshauptstadt Boston verordnete Rauchverbot außerhalb von Privathäusern wurde lange Zeit in Cambridge umgangen, bis hohe Strafen der schnippischen „smokers welcome“-Werbung vieler Pubs ein Ende setzten.

1,1 Mio. Dollar Kapital pro StudentIn

Dass sich in dieser Umgebung Amerikas vielleicht angesehenste, auf jeden Fall aber reichste wissenschaftliche und politische Kaderschmiede befindet, mag verwundern. 22,6 Milliarden US-Dollar betrug das Stiftungskapital der privaten Harvard University im vergangenen Jahr. 6.600 regulären und etwa 13.000 postgraduierten StudentInnen stehen 2.300 ProfessorInnen gegenüber. Für Exklusivität sorgen nicht nur die Studiengebühren von deutlich über 40.000 Dollar pro Jahr. Nach langwierigen Auswahltests und -gesprächen wird lediglich jede zehnte Bewerbung angenommen. Auf dem weitläufigen Campus merkt man von diesen harten Realitäten wenig. Auch wer an einem der studentisch geleiteten Rundgänge des „Information Centers“ teilnimmt, erfährt stattdessen, was für ein cooler Ort Harvard ist. Das erst 1972 errichtete Science Center sehe aus wie eine Polaroid-Kamera, weil der anonyme Spender in Wirklichkeit Edwin H. Land sei, ehemaliger Harvard-Student und Erfinder der Sofortbild-Kamera. Oder: In der Nacht vor dem großen Bibliothekenbrand im Jahr 1764 habe ein Student unerlaubt ein Buch des Uni-Stifters John Harvard ausgeliehen. Als er es am Tag darauf glücklich dem Uni-Präsidenten präsentierte, habe sich herausgestellt, dass es das einzige Harvard-Buch war, das den Brand überlebt hatte. Der Präsident soll sich freundlich für die Rettung des Buches bedankt haben, um den Studenten anschließend wegen Missachtung der Bibliotheksregeln von der Uni zu verweisen. Und nicht zuletzt: Die Mutter des Harvard-Studenten Harry Elkins Widener habe die große Widener-Library in Andenken an ihren Sohn gestiftet, der beim Untergang der Titanic schon im Rettungsbot saß, dann jedoch noch Bücher aus seiner Kabine retten wollte und deswegen ertrunken ist.

Mythen stiften Identität

Dass diese Geschichten wahrscheinlich nicht stimmen, ist unwichtig. Mythen gehören zur Identität der Universität wie Football und die Zugehörigkeit zu einem der zwölf Häuser. In denen setzt sich das story-telling fort: Al Gore and Tommy Lee Jones, darauf sind zum Beispiel die Bewohner des Dunster-Hauses stolz, waren in den späten Sechzigern hier Zimmergenossen. Das kleinere Kirkland House hält besonders viel von seinen Athleten, und bevor in Harvard die zufällige Verteilung der BewohnerInnen eingeführt wurde, waren in der Tat hauptsächlich Sportler hier untergebracht. Die Partys im Currier House sollen die besten sein, und in der großen „Ten-Man Suite“ wohnten bis heute niemals Frauen, weil eine alte kommunale Verodnung jede Wohnung mit acht oder mehr Bewohnerinnen zum illegalen Bordell erklärt. Allen Mythen und Anekdoten zum Trotz: Historisch verbürgt ist die Rolle eines 15 Meter langen und 2,50 Meter hohen Metallkastens, der in der Mitte des Science Centers steht. Es handelt sich um Harvard Mark I, den ersten funktionierenden Computer der USA. Er wurde 1944 in Betrieb genommen und berechnete unter anderem die Flugbahn und den Zündzeitpunkt der Atombombe, die 1945 über Nagasaki abgeworfen wurde. Mit einem Mythos aufräumen wollen die Mitglieder der Vereinigung der cubanisch-amerikanischen StudentInnen Harvards. Die Gruppe hat einen großen Gitterkasten vor dem Science Center aufgebaut. Hinter den Gittern sitzen zwei Studenten in abgerissener Kleidung, die mit ausgestreckten Armen Flugblätter verteilen. Die Botschaft: Cuba sei kein tropisches Sonnenparadies, sondern in Fidel Castros Diktatur werden Demokraten und Regimekritiker gnadenlos eingesperrt und mißhandelt. Im Gebäude selbst, nur wenige Meter entfernt vom Atombomben-Rechner, finden sich dagegen Zeitungsständer, in denen der „Revolutionary Worker“, die Stimme der „Revolutionary Communist Party, USA“ feststellt, dass Amerika von christlichen Faschisten regiert werde. Andere Artikel sind höchstens noch eine Hand breit von antisemitischen Verschwörungstheorien entfernt. Unweit davon erklärt der Newsletter des „Maoist Internationalist Movement“, wie der Kapitalismus den Eishockey-Sport ruiniert und bezeichnet die USA nebenbei konsequent als „United $nakes of AmeriKKKa“.

Studentische Käseglocke?

Keine halbe Stunde später wird der Uni-Rundgang von einer etwa hundertköpfigen Demonstration unterbrochen. Die StudentInnen tragen grüne Armbinden und verzieren die Bäume auf dem Campus mit Stoffstreifen in der gleichen Farbe. Sie protestieren gegen den vergessenen Völkermord in der sudanesischen Westprovinz Darfur. Irgendwie scheint diese junge amerikanische Elite auch jenseits der Marketing-Versprechen der Harvard-Manager nicht so ganz dem zentraleuropäischen Amerikabild der hamburgerfressenden, desinteressierten Bevölkerung zu entsprechen, die noch nicht einmal weiß, wo Frankreich liegt. Soziales und politisches Engagement unter einer wohlfinanzierten studentischen Käseglocke, das sich nur eine Minderheit leisten kann? Vielleicht. Gleichzeitig ist aber festzustellen, dass studentische Campus-Radios inzwischen einen wichtigen Bestandteil des nicht-kommerziellen, linken und pazifistischen Radio-Networks Pacifica ausmachen, dessen Sendungen landesweit von über 300 Stationen ausgestrahlt werden. Diese alternative mediale Infrastruktur war bei der Organisation des Aufstands gegen die WTO-Tagung in Seattle 1999 oder der Demonstrationen gegen den New Yorker Republikaner-Parteitag im September 2004 von zentraler Bedeutung.

rvr

In der bsz 639 berichteten wir bereits darüber, wie die „happy few“ an der Yale University studieren und vor welchen sozialen Problemen das US-amerikanische Bildungssystem steht.

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