„Judenproblem“ oder „Nachwortproblem“?
12. November 2004 | Von admin | Kategorie: Kultur, Politik & GesellschaftNotizen zum Nachwort in Gustav Freytags „Soll und Haben“, Manuscriptum Verlag, Waltrop und Leipzig 2002.
Es ist der Fluch und Segen zugleich von Nachworten in Leseausgaben der sogenannten ernsten Literatur, dass in ihnen Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler versuchen, auf wenigen Seiten in einfachen Worten das zusammenzufassen, was ihrer Meinung nach zum Verständnis und zur Würdigung des Werkes auch dem unbedarften Publikum vermittelt werden sollte. Dass Zusammenhänge dabei häufig verkürzt werden und Interpretationen zuweilen kritisch hinterfragt werden müssen, liegt in der Natur jener publizistischen Form. Bei dem Nachwort zu der derzeit einzigen im Buchandel greifbaren Ausgabe von Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“ treten jedoch andere Merkmale hinzu, die zwar in der Rezeptionsgeschichte des Romans keineswegs ungewöhnlich sind, bei einer Neuherausgabe im Jahr 2002 jedoch überraschen und unangenehm auffallen.
Nachdem der – namentlich nicht genannte – Verfasser des Nachwortes zunächst kurz biographische Daten Gusatv Freytags mit dessen literarischen Schaffen in Verbindung setzt, geht er zu einer Betrachtung der Rezeptionsgeschichte über: Als „säkularer Bestseller“ sei der Roman von seiner Veröffentlichung im Jahr 1855 bis „in den dreißiger Jahren“ gelesen worden, als „der Kult um Freytag“ besonders blühte. Außer dieser impliziten Andeutung wird auf dem Umgang mit dem Werk im Nationalsozialismus nicht eingegangen – die Zeit von 1933 bis 1945 erscheint in der Rezeptionsgeschichte als schwarzer Fleck, der einer genaueren Betrachtung nicht wert zu sein scheint.
Auf die kontroverse Diskussion über den antisemitischen und rassistischen Gehalt des Romans in den siebziger Jahren wird auch nicht eingegangen, sondern lediglich diffus festgestellt, dass der WDR wegen „Bedenken vor einer Verharmlosung problematischer Haltungen“ von einer Verfilmung abgesehen hatte. Genauso abstrakt wird auf „fatale Irrwege“ hingewesen, auf welche die Wirkung des Romans geführt haben soll, ohne den angeblichen „Irrweg“, nämlich den Nationalsozialismus mit seinem eleminatorischen Antisemitismus, beim Namen zu nennen. Damit knüpft das Nachwort an die konservative Rede von der „dunklsten Phase in der deutschen Geschichte“ an, welche jedoch am besten in dieser Dunkelheit ruhen gelassen werden sollte, da sich schließlich inzwischen die Mehrheit der noch lebenden ehemaligen NSDAP-Mitglieder, Hitlerjungen und Wehrmachtssoldaten in der in der bundesrepublikanischen Demokratie eingerichtet haben und sich ihrem „Irrweg“ bewusst seien.
Folgerichtig werden als Ersatz für die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Dritten Reichs lieber gegenwartskritisch die „Wertvorstellungen“ des Romans, nämlich „Ordnung, Fleiß und Disziplin“ ausgemacht, welche heute „in einer Zeit grassierenden Werteverlusts für viele wieder attraktiv zu werden“ scheinen. Wenn dann im Folgenden mahnend um Verständnis für das „Zeitdokument“ geworben wird, „in dem sich die Ideale, Irrtümer und Illusionen von Menschen widerspiegeln, deren Nachfahren wir sind“, dann liegt zumindest nahe, dass diese Nachsicht auch denjenigen gegenüber angebracht ist, die anscheinend aus einem „fatalen Irrtum“ heraus Auschwitz und Buchenwald errichteten.
Wenn dann im Anschluss doch noch auf die unübersehbare Gegenüberstellung der guten, sauberen und moralisch überlegenen deutschen Kaufleute zu den windigen, egoistischen, und betrügerischen jüdischen Kapitalisten eingegangen wird, dann wird diese Darstellung nicht im Kontext eines antisemitischen Diskurses gesehen, der spätestens seit dem Mittelalter im deutschsprachigen Raum nachzuweisen ist, sondern auf spezifische historische Umstände in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgeführt: „Freytags Darstellung der Juden“ sei „bezeichnend für seine soziale Herkunft, d.h. für das Bewußtsein schwindender Bedeutung einer Schicht, die sich von der Industrialisierung ausgeklammert sah“.
Zwar handle es sich bei den Judenfiguren um „Klischees“ und „krude Typisierung“, aber der Autor des Nachwortes lässt es sich nicht nehmen, auf einen wahren Kern in diesen Darstellungen hinzuweisen: „Weil den Juden seit je der Zugang zu Grundbesitz, zum Handwerk und zum Militär- und Staatsdienst verwehrt worden war, hatten sie sich auf Geldgeschäfte, das Bank- und Börsenwesen sowie auf intellektuelle Berufe verlegt.“ Diese für sich allein genommen plausible Beschreibung einer jahrhundertelangen Diskriminierungsgeschichte bekommt in diesem Kontext allerdings einen faden Beigeschmack: Mit der Feststellung, Freytag sei „sich der sozialgeschichtlichen Bedingtheit des Judenproblems bewusst“, legt der Autor nahe, dass es seiner Meinung nach ein „Judenproblem“, und nicht etwa ein Problem mit dem Antisemitismus einer deutschen Mehrheitsgesellschaft gibt oder gegeben hat. (Auf die terminologische Nähe der Wortschöpfung „Judenproblem“ mit dem nationalsozialistischen Kampfbegriff der „Judenfrage“ soll hier nicht weiter eingegangen werden.)
Die Verbindung dieser beiden Vorstellungen rückt Teile der Argumentation des Nachwortes bedenklich weit in die Nähe der Neuen Rechten, welche im Sinne eines sekundären Antisemitismus nicht mehr von einer rassischen Minderwertigkeit der Juden ausgeht, sondern die angeblich rücksichtslos turbokapitalistischen und ausbeuterischen Wesenszüge der Juden jetzt historisch und soziologisch begründet – eine Auffassung, die sich mit der im Nachwort dargestellten Haltung Freytags aus dem Jahr 1849 (vgl. S. 869) nahezu vollständig deckt. In diesem Zusammenhang wirkt die Feststellung, dass alle Figuren im Roman „aus dem Zwang einer erfundenen Handlung entstanden“ sind, nicht besonders plausibel.
Dass es sich bei dem Nachwort weniger um eine literaturwissenschaftliche Analyse des Romans, sondern vielmehr um den Versuch einer ideologisch begründeten Apologie und Ehrenrettung des Autors handelt, zeigt ferner die Feststellung, dass Freytag „ungewollt einem aggressiven, antiliberalen Antisemitismus in die Hände gearbeitet“ habe, was ihm erst „deutlich geworden [ist], als es für Korrekturen zu spät war“. Es habe sich also lediglich um einen „Mißbrauch“ des Romans gehandelt, wenn seine Figuren „für bare Münze genommen“ wurden. Auch an der zweiten Stelle in dem Nachwort, an welcher explizit von Antisemitismus die Rede ist, wird sorgfältig vermieden, dem Roman selbst solche Tendenzen zu unterstellen: Vielmehr wurden die „antisemitischen Tendenzen in Preußen immer deutlicher“, und die „Judenkarikaturen“ im Roman seien von den Antisemiten lediglich als „willkommenes Anschauungsmaterial“ genutzt worden, während sich Freytag selbst „für eine Assimilierung der Juden“ eingesetzt habe. Dass die Forderung nach Assimilation der Juden auch eine Ausdrucksform des Antisemitismus ist, weil in ihr der Wunsch nach einem Sieg der eigenen Lebensweise über die abgeblich fremde deutlich ihren Ausdruck findet, lässt der ungenannte Autor ebenfalls unberücksichtigt. Bleibt zu hoffen, das dieses Nachwort nicht den Schlusspunkt in der jahrzehntelangen Diskussion über einen Roman darstellt, der heute von verschiedenen Seiten weniger aufgrund seines ideologischen Gehaltes, sondern vielmehr wegen seines literarischen Mittelmaßes kritisiert und links (bzw. rechts) liegen gelassen wird.
Rolf van Raden
