Ludwig Staudenmaier: Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft

3. Februar 2003 | Von | Kategorie: Kultur

1. Magie: Paranoia oder Wissenschaft

Bevor Ludwig Staudenmaier, Professor für Experimentalchemie, 1918 selbst per wissenschaftlicher Diagnose als paranoid stigmatisiert wurde, versuchte er 1912 die Magie vom Odium des Okkultismus und Spiritismus, also von dem Vorwurf der Paranoia oder der Scharlatanerie zu befreien, indem er in seiner Schrift: „Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft“(1) den gleichen Schritt nachzuahmen suchte, den Lavoisier geleistet hatte, als er aus der Alchemie die Chemie machte. Magie, Geistersehen, Tischerücken: Allesamt Phänomene, die vermittels experimenteller Erforschung rationalisiert und in den wissenschaftlichen Kanon gerückt werden sollen.

Staudenmaier beginnt seine magischen Studien damit, dass er sich in automatischem Schreiben übt, d.h. er sitzt so lange an einem Tisch, bis der Stift sich unwillkürlich zu bewegen beginnt. Ziel seiner Forschung ist es, zu zeigen, dass das, was da an seinem „bewussten Ich“ vorbeischreibt, nicht irgendwelche Geister sind, sondern „unterbewusste Zellzentren“, die sich zu „Personifikationen“ ausgereift hätten, und die in seinem Inneren auf einer unteren Ebene koexistieren. Diese Wesen werden von ihm zwar außerhalb seiner selbst wahrgenommen, aber nur indem er selbst – ein fleischgewordener Kinematograph – sie nach außen projiziert. Er beobachtet sich also dabei, wie er selbst zum sozusagen experimentell hervorgerufen Apparat wird. Dabei ist er Versuchsleiter und Versuchsobjekt in Personalunion, (was natürlich eine Lücke in seiner wissenschaftlichen Argumentation verursacht).

Seine Theorie beruht auf zwei im Zusammenhang des Seminars interessanten Prämissen:

1. „medientheoretisch“: der Körper ist ein Projektionsapparat;
2. in Umkehrung der Rede vom Gesellschaftskörper: sein Körper ist organisiert wie ein Staat von Zellzentren.

Die kurze Analyse dieser beiden Prämissen erlaubt es, im Anschluss einige Fluchtlinien auf weitere Themen zu finden, die hier als kurze Gedankensanstöße noch vorgestellt werden.

2. Halluzinationen als physikalische Projektionen

Das Ziel seiner Wissenschaft ist letztendlich eine Perfektibilisierung des Menschen. Durch die magischen Fähigkeiten soll der „Mensch der Zukunft“ (S.66) seine Fähigkeiten erweitern, indem er selbst ohne Zuhilfenahme mechanischer Apparate physische Prozesse rein psychisch bewerkstelligen kann. Dabei dienen mechanische Automaten, etwa der Kinoprojektor als Dispositiv:

„Prinzipiell ist dabei die Auffassung, dass man vermittelst eines jeden Apparates, der Schwingungen des Äthers (Licht in unserem Falle) aufzunehmen vermag, umgekehrt auch Schwingungen des Äthers (Licht) produzieren kann oder dass man mit einem Apparat, der für Schwingungen der Luft (Töne) empfindlich ist,auch wieder Schwingungen der Luft (Töne) hervorbringen kann, […]“ (S. 47)

Der gleiche Mechanismus, der für gewöhnliche Apparate gilt, ist demnach auch auf den Seh- und den Hörsinn anwendbar. Während normalerweise Seheindrücke mittels Linse auf die Netzhaut projiziert werden, von wo aus sie über Nervenbahnen ins Gehirn und dann ins Bewusstsein gelangen, so kann dieser Prozess umgekehrt werden: Durch „besonders lebhaft[e] und deutlich[e] Vorstellung“ (S. 41) von Licht, kann die „Energie“ der Nerven ein Bild auf der Netzhaut erzeugen, welches mit ausreichender Übung auch nach Außen projiziert werden kann. Bei Kombination von optischer und visueller „Halluzination“ nimmt das ganze dann schon die Züge eines Gesamtkunstwerkes an, und die Projektionen können sogar laufen lernen:

„Denkt man sich nun in der erwähnten Weise Personen oder Gegenstände nicht ruhend sondern in Bewegung, dann werden auch ihre nach außen gelangenden Bilder nicht ruhen sondern Bewegungen ausführen, vergleichbar denjenigen eines Kinematographen.“ (S. 46)

So problemlos geht die Halluzination aber nur vor sich, wenn das „bewusste“ Ich die Projektion veranlasst. Es gibt nun aber auch die Wesen innerhalb des Zellkörpers, die relativ unabhängig vom bewussten Ich auch ein eigenständiges Leben führen, und die die Projektionsfähigkeiten des Körpers sogar nutzen können, um sich selbst nach außen zu projezieren.

„Kurz, es besteht mit der Zeit deutlich die Tendenz zur Ausbildung eines neuen, selbständigen, vom bewussten Ich unabhängigen Wesens, das zwar zunächst während der spiritistischen Sitzungen nur eine magische Projektion nach außen darstellt, dessen innerer Akteur aber immer vielseitiger und selbständiger wird und sich häufig allmählich auch außerhalb der Sitzungen bemerklich macht.“ (S. 112)

3. Körpervolk statt Volkskörper

Der Diskurs vom „Volkskörper“, dessen einzelne „Körperteile“ die Mitglieder der Gesellschaft sind, scheint in Staudenmaiers Konzept eine Spiegelung zu erhalten. Er benutzt die Metapher des Staates, um den Leser in die Topographie seines Bewusstseinskonzeptes einzuweihen: An oberster Stelle steht das beim gesunden Körper herrschende Ich, das „bewusste Ich“ oder „Oberbewusstsein“ (S. 154). Daneben führen gewisse „Komplexe von Lebewesen ebenfalls ein gewisses Sonderdasein und üben
mehr oder weniger selbständig psychische Tätigkeiten aus“ (S. 154). Sie sind allesamt unterhalb des bewussten Ich in dem zusammengefasst, was auch Staudenmaier das „Unterbewusstsein“ nennt:

„Diese Gegenüberstellung von Ober- und Unterbewusstsein, in dem von mir gemeinten Sinne, ist etwa zu vergleichen mit der Zweiteilung der Regierung eines Landes: einerseits Präsident oder Herrscher, andererseits sämtliche Regierungsbeamte und Instanzen […]“ (S. 154)

In diesem Staat „gilt das Prinzip der Arbeitsteilung“ (S.88) und ein gewisses Klassensystem:

„Je mehr aber die einzelnen Zellen und Zentren nach der Peripherie zu gelegen sind, je einseitiger ihre Stellung im Gesamtorganismus ist, desto einseitiger und minderwertiger, desto mehr mechanisch und physisch, maschinen- und arbeitermäßig sind im allgemeinen die ihnen im Organismus zugewiesenen Funktionen, desto weniger haben sie die Möglichkeit höherer geistiger Tätigkeit und Entwicklung […]“ (S. 90)

Natürlich gibt es auch eine Möglichkeit, dass das Körpervolk den eigenen Körper gewissermaßen pathologisch lahm legt. Bedingung für diese Lahmlegung ist die Selbstermächtigung der unteren „Zellwesen“, die sich „zum Schaden des gesamten Menschen […] eigenmächtig emanzipieren und dementsprechend das Oberbewusstsein mehr oder weniger weitgehend beherrschen“ (S. 170).

Mit diesem Schema gelingt es ihm außerdem, das Wesen der Hypnose zu erklären. Hierbei wird nämlich auch das „bewusste Ich“ also der Führer des Körperstaats vom Hypnotiseur eingeschläfert und somit die Macht über das restliche Bewusstsein usurpiert:

„Beim Hypnotisieren übernimmt nämlich der Hypnotiseur die Rolle des bewussten Ich […], welches selbst mehr oder weniger zurücktritt und lethargisch wird (Wachsuggestion) oder ganz einschläft und ausgeschaltet wird (eigentliche Hypnose), während einzelne Zentren des Unterbewusstseins wach bleiben und jetzt hauptsächlich nur mehr vom Hypnotiseur beeinflusst werden.“ (S. 75)

4. Fluchtlinien

1. Vom Phantasma der „Herstellung“ von Wirklichkeit zu den Phantasmen der Avantgarde:

Es ist das Ziel der Magie des Ludwig Staudenmaiers, dem „Mensch[en] der Zukunft“ (S. 66) die nötigen Fähigkeiten zu vermitteln, um die „Halluzinationen“ bzw. „Projektionen“ physisch erfahrbar zu machen. Seine Lektionen umfassen dabei einerseits Anweisungen wie optische und akustische Projektionen eingeübt werden können. Andererseits denkt er, dass die magischen Fähigkeiten auch darüber hinaus „Motorische Halluzinationen (mechanische Fernwirkungen) (S. 57), „Komplizierte
Halluzinationen. Materialisationen“ (S. 59) und Gedankenübertragung auf andere Personen“ (S. 60) ermöglichen. Von dieser Geste, dass die Wirklichkeit prinzipiell neu zu erschaffen ist, ist es vielleicht nicht mehr weit zum Programm der Avantgarde die Alltagswelt von der Kunst aus zu revolutionieren, bzw. Alltagswelt und Kunst zu entdifferenzieren. Nicolas Pethes weist im Zusammenhang mit Staudenmaier darauf hin, „wie sehr die Phantasmen der klassischen Paranoia die Phantasie einer absoluten Herrschaft darstellen“(2). Dies soll im folgenden weiter untersucht werden.

2. Von Staudenmaiers „experimenteller Naturwissenschaft“ zu literarischen Weltherrschaftsphantasmen

Verschiedene Anknüpfungspunkte erlauben einen Vergleich zwischen Staudenmaiers Theoremen und der Äthertheorie, welche Dr. Sucram in Mynonas „Graue Magie“(3) vertritt: Bei der Organisation der Protagonisten gelten ähnliche Regeln wie bei Staudenmeiers „Prinzip der Arbeitsteilung“(4) im menschlichen Körper: Während Doktor Sucram den „Kopf“5 (S.52) darstellt, bildet Morvitius, skrupelloser und vermögender Inhaber einer Film GmbH, den „Rumpf“ (S.52). Der Vergleich wird besonders plausibel, wenn Sucram, Morvitius und Agnes „zum einzigen Leib“ verschmelzen (S. 289). Sucram sieht es ebenso wie Staudenmaier als seine Aufgabe an, magische anmutende Experimente naturwissenschaftlich zu erforschen und die Ergebnisse nutzbar zu machen. Dabei orientiert sich Sucram an der kanthschen Äthertheorie, nach der es „eine den ganzen Raum einnehmende, alle Körper durchdringende Materie“ (S. 53f.) gibt: Alle Körper seien nur die Erscheinungen dieses „Urstoffes“ (S.54). Wer sich „diesen Äthers willkürlich bemächtigen“ könne, sei in der Lage, „Menschen und Erde [zu]
beherrschen“ (S.54).

Wenn sich auch die zugrundeliegenden Theoreme bei Staudenmaier und in Mynonas Roman unterscheiden, so sind doch die Anwendungen der zur Naturwissenschaft gewordenen Magie ähnlich: In beiden Werken geht es um die Manipulation der Realität durch physikalische Projektionen, psychische Fernwirkung und letztendlich um die Perfektionierung des Menschen. Im Roman führt diese Utopie zur Schaffung einer „Miniaturgegenerde“ (S. 271): Hier wird die Herrschaft über den Äther endgültig zur Weltherrschaft. Unter diesen Rahmenbedingungen wird der perfektionierte Mensch in einem Akt biopolitischer Hygiene geschaffen:

„Vernunft bewirkt eine Reinigung von allem Mischmasch, aller Verwaschenheit der Natur. Durch unvernünftige geschlechtliche Vermischung sind Menschen und Tiere ungezieferhaft entartet [...]. Vernunft, souverän geworden wie hier auf diesem Experimentierstern, bewirkt nicht nur die Reinheit des Einzel-, sondern auch die soziologische des Gesellschaftsleibes. Sie lässt die Mischmaschformen durch die Korrektur, die sie ausübt, resorbiert werden.“ (S. 288)

Auch wenn die Projektion der künstlich geschaffenen Welt sowie die Utopie der absoluten Herrschaft zunächst nicht lange anhalten und der Roman vordergründig in einer Idylle der Kleinbürgerlichkeit endet, so wird doch klar, dass die eigentliche „Revolution zur Vernunft und zu deren Regimente, das den Menschen erst zum Menschen macht“ (S. 292) noch bevorsteht. Der Erzähler lädt die Leserinnen und Leser sogar dazu ein, sich „dem wunderbaren Schlummer“ hinzugeben, in dem „wir Untermenschen, wir Zwitter zwischen Tier und Mensch [...] die Wunder der Vernunftmagie ätherisch herangrauen [...] fühlen“ (S. 293).

Als Mynona den Roman 1922 veröffentlichte, war dies sicherlich als ironisch gebrochener Bezug auf magische Theorien wie die von Ludwig Staudenmaier zu lesen. Bei der heutigen Rezeption ist jedoch ebenso die Deutung plausibel, dass hier die Geistes- und Erwartungshaltung einer präfaschistischen Gesellschaft pointiert formuliert wird. Schließlich gleicht die dargestellte Bewertung des eigenen Zeitalters der Einschätzung, die Joseph Goebbels in seinem Roman „Michael, ein deutsches Schicksal“ folgendermaßen zum Ausdruck bringt:

„Unser Jahrzehnt ist in seiner inneren Struktur durchaus expressionistisch. Wir heutigen sind alle Expressionisten, Menschen, die von innen heraus die Welt draußen gestalten wollen. Der Expressionismus baut sich eine neue Welt. Sein Geheimnis und seine Macht ist die Inbrunst“(6)

Von Holger Kuhn, Hanna Höfer, Rolf van Raden


Fußnoten:

(1) Im Folgenden zitiert nach: Ludwig Staudenmaier, Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft, Darmstadt 1968.

(2) Nicolas Pethes, „L’aliéné ne raisonne plus expérimentalement? Ludwig Staudenmaiers Experimentalmagie zwischen Okkultismus und Psychoanalyse“; in:Torsten Hahn, Jtta Person, Nicolas Pethes (Hgg.), Grenzgänge zwischen Wahn und Wissen. Zur Koevolution von Experiment und Paranoia 1850-1910, Frankfurt/Main 2002, S. 293-314, hier S. 314.

(3) Mynona, Graue Magie. Ein Berliner Nachschlüsselroman; in: Detlef Bluhm (Hg.), Berliner Texte, Bd. 5, Berlin 1989.

(4) Ludwig Staudenmaier, Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft, Darmstadt 1968, S. 88.

(5) im Folgenden zitiert nach: Mynona, Graue Magie. Ein Berliner Nachschlüsselroman; in: Detlef Bluhm (Hg.), Berliner Texte, Bd. 5, Berlin 1989.

(6) zitiert nach: Beat Wyss, Der Wille zur Kunst. Zur ästhetischen Mentalität der Moderne, Köln 1997, S. 249.

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