Die private RUB ist längst schon da

10. Januar 2003 | Von | Kategorie: Hochschule

Wann kommt endlich die RUB-Aktie? Erschienen in Lili-Magazin Januar 2003.

Die Ruhr-Universität ist schon ganz schön modern: Die MitarbeiterInnen der Verwaltung haben ein Leitbild verfasst, in dem sie feststellen, dass sie ja ein Team seien und nur so „höhere Leistungsbereitschaft“ und eine „erkennbare Qualitätssteigerung“ erreichen könnten. Im Kino können wir eine tolle, teure Filmwerbung bewundern, die uns verrät, dass der neue Arzt von der Ruhr-Uni Bochum kommt. Insgesamt will das Rektorat die neue Uni-Politik an den Leitlinien Autonomie, Wissenschaftlichkeit, Wirtschaftlichkeit, Virtualität, Internationalität und Wettbewerblichkeit ausrichten. Wer bei solchen Phrasen, gerne als neoliberal klassifiziert, ein flaues Gefühl in der Magengegend bekommt und um gute alte Werte wie Chancengleichheit und die Freiheit der Wissenschaft fürchtet, der/dem sei ein Blick hinter die Kulissen angeraten. Denn dann wird schnell klar: Es ist schon lange alles viel schlimmer.

Dass die Landesregierung kräftig Mittel im Bildungsbereich kürzen will, ist spätestens seit der noch immer nicht beendeten Auseinandersetzung um die Einführung von Studiengebühren allgemein bekannt. Weniger laut haben aber die Uni-Verantwortlichen darüber nachgedacht, wie sie auf Kürzungen in Forschung und Lehre reagieren wollen. Von „kreativen Lösungen“ ist da die Rede, man müsse kurzfristig einsparen, mittelfristig aber andere Finanzquellen erschließen. Im Gespräch mit dem AStA wurde Rektor Wagner da schon konkreter: „Andere Universitäten haben auch mit dem Sponsoring von Hörsälen keine schlechten Erfahrungen gemacht.“ Man müsse sich ernsthaft fragen, was denn so schlimm daran wäre, wenn es statt HIB den Siemens-Hörsaal gebe.

Eine Hand wäscht die andere – oder sich selbst?

Wenn unserE BedenkenträgerIn an dieser Stelle überrascht oder gar empört aufschreien möchte, damit mache sich die Uni von der Wirtschaft abhängig, dann können wir auf tragische Weise zur Beruhigung beitragen: Denn in der Tat wäre ein solcher Schritt nur das öffentliche Zugeständnis einer Entwicklung, die an der RUB schon lange Realität ist. Ein Beispiel dafür, wie dicht Einrichtungen der Universität inzwischen mit den Interessen der freien Wirtschaft verwoben sind, liefert das Horst-Görtz-Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Diese zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Ruhr-Uni wird von der Horst-Görtz-Stiftung gesponsert. Diese steht wiederum dem IT-Unternehmen Utimaco Safeware AG nahe und wurde nach dessen Gründer und Aufsichtsratsvorsitzendem benannt. Die Forschungsergebnisse des Instituts werden von der Bochumer GITS AG vermarktet. Gesellschafter der Aktiengesellschaft sind neben der Ruhr-Universität Bochum die Utimaco Safeware AG, mehrere Professoren der RUB sowie Horst Görtz persönlich. Bei dieser zwielichtigen Konstruktion wird ganz schnell klar, dass es sich bei diesem Institut wohl in Wirklichkeit um die Entwicklungsabteilung der Utimaco Safeware AG handelt. Mit dem Unterschied, dass in das Institut trotz Sponsoring noch beträchtliche öffentliche Mittel fließen.

AG, GmbH, alles da…

Dabei handelt es sich um keinen Einzelfall: Neben der GITS AG gibt es zur Zeit noch 36 weitere Ausgründungen der Ruhr-Uni, die als GmbH, als Aktiengesellschaft oder private Stiftung ihr Dasein fristen. Dabei erstreckt sich das Spektrum über einen Großteil der Fächerbreite: Ob Biotechnologie und Medizintechnik, Elektronik und Informationstechnik, Umwelttechnik und Tunnelbau oder Pädagogik und Weiterbildung: All das haben die Spin-Offs der Ruhr-Uni im Angebot – gegen gutes Geld versteht sich. Diese Art von Zusammenarbeit beschränkt sich aber natürlich nicht nur auf Unternehmen, die im Umfeld der Ruhr-Universität gegründet wurden. Schon länger existieren „feste Konsultationsstrukturen“ zu zwei der größten deutschen Unternehmen, der Thyssen-Krupp AG und der Siemens AG.

Alles Kacke – Deine Elli?

Angesichts dieser Verhältnisse den Untergang der freien Forschung und Lehre zu beklagen, greift aber deutlich zu kurz. Denn auch in einer vollkommen staatlich finanzierten Hochschule ist freie, kritische Wissenschaft höchstens eine mehr oder minder geduldete Ausnahme und nicht die Regel. Auch dort würde im Kern die Ideologie derjenigen reproduziert, welche die Rahmenbedingungen vorgeben. Und die Rahmenbedingungen sind nun mal die einer Marktwirtschaft, deren Teil die Universitäten schon lange sind. Wer also verhindern will, dass auch Bildung eine Ware ist, kann gerne bei dem Widerstand gegen die weitere Privatisierung der Hochschulen anfangen, darf dort aber nicht aufhören. Denn die Vorstellung, dass in einer Gesellschaft, in der alles eine Ware ist, eine Hochschule langfristig vollkommen anders funktionieren kann, ist bestenfalls naiv.

Rolf van Raden

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