Wiedergeburt eines Handlungsreisenden

7. Oktober 2001 | Von admin | Kategorie: Kultur

Wie Jürgen Kruse einem alten Stück seine Bedeutung zurückgibt und dabei auch auf den zweiten Blick zu begeistern weiß. Von Rolf van Raden.

Jürgen Kruse is back in town. Schon unter Intendant Leander Haußmann wollte der Regisseur, der sich mit seinen eigenwillig-eindringlichen Inszenierungen schnell eine Bochumer Fangemeinde aufgebaut hatte, Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ inszenieren. Doch dann erkrankte Hauptdarsteller Jürgen Rohe, und das Projekt fiel ins Wasser.

Unter dem neuen Intendanten Matthias Hartmann kann Kruse sie nun zeigen: Seine Version der tragischen Geschichte des Handlungsreisenden Willy Loman, der am „Amerikanischen Traum“ scheitert, und während des eigenen Unterganges sich in ein immer dichteres Geflecht von Lügen und Wunschvorstellungen verstrickt. Aus seinen Söhnen Biff und Happy will er „etwas ganz Großes“ machen, führt sie dabei aber nur auf den gleichen Weg der selbstzerstörerischen Lebenslügen. In Rückblicken und Erinnerungssequenzen erzählt Miller den Lebens- und Leidensweg Lomans hin zu seinem alternativlosen Selbstmord.

Das Stück, vor 52 Jahren uraufgeführt, avancierte zum Brodway-Renner und wurde auch als Kinofilm mit Dustin Hoffman zu einem Bestseller. Doch trotz der modernen und überaus dichten Erzählstrukturen ist Arthur Millers Klassiker von der zeitgenössischen Gesellschaftstragödie zur mäßig interessanten Standardlektüre für den gymnasialen Englischunterricht degradiert worden. Dass aber scheinbar Verstaubtes interessanter und aktueller sein kann als so manch eine Urauführung, das zeigt Jürgen Kruse in den Bochumer Kammerspielen mit Bravour.

Das Bühnenbild (Steffi Bruhn) orientiert sich an der Vorlage Millers und wächst doch über diese hinaus: Ein zweistöckiges Haus mit Schlaf-, Wohn- und Kinderzimmer, dem wie aufgeschnitten die vordere Wand fehlt. Obwohl spartanisch eingerichtet, ist es doch zugerümpelt mit all den Requisiten, die im Laufe der Inszenierung Verwendung finden werden. Vor dem Haus stehen zwei Holzpflöcke mit Äxten und eine Schubkarre mit Holz. Dazwischen finden wir im Boden ein Gitterrost, welches als dramaturgischer Brennpunkt nicht nur der Ort aller Schlüsselszenen ist, sondern später auch als Willy Lomans Grab dienen wird. An der linken Wand des Zuschauerraumes ist ein überdimensionaler „Uncle Sam“ angebracht, der das Dach eines Einfamilienhauses abhebt. Eine Wäscheleine ist quer durch den Zuschauerraum gespannt, an dem Kochlappen im Stars-and-Stripes-Design hängen. Auf dem Vorhang weist die Silhouette eines Indianers in die Ferne – Amerikas Symbole sind allgegenwärtig, schon bevor der Vorhang sich öffnet.

Vom Moment an, wo Willy Loman (Jürgen Rohe) langsam und gequält die Bühne betritt und ein „Alles in Ordnung“ aus seinen Lungen presst, wissen wir, wie alles enden wird: Wir verfolgen den Tod eines Handlungsreisenden. Was bei Arthur Miller aber ein Geflecht von Rückblenden ist, das wird von Jürgen Kruse radikal subjektiviert: Wir sehen mit den Augen Lomans. Während Kruse nahezu jeden Satz der Vorlage und jede Regieanweisung ernst nimmt, verschwimmt Realität mit Traum.

Alle Figuren sind um den Handlungsreisenden herum konstruiert, der das unnahbare Zentrum der Inszenierung darstellt. Niemand kann zu seinem wahren Ich durchdringen, dass er hinter Erfolgsphantasien und dem Nichteingestehen des eigenen Scheiterns verbirgt. Zwar hat seine Frau Linda (Veronika Bayer) ihn von Anfang an durchschaut, kann aber auch nichts an den Vorgängen ändern. Auf seine Söhne Biff (Patrick Heyn) und Happy (Johann von Bülow) projeziert Willy seinen Traum, reich und beliebt zu werden. Dass Biff, der sich mit Gelegenheitsjobbs und kleinen Diebstälen durchgeschlagen hat, diesem Bild nicht gerecht werden kann, treibt einen unüberwindbaren Keil zwischen Vater und Sohn. Happy, der die Ideale des Vaters teilt, wird von diesem dagegen kaum beachtet.

Bis in die Requisite hinein sind diese Gegensätze zwischen der Umwelt und Willy Loman konstruiert: Das Tonbandgerät, mit dem sich Willys Chef Howard (Ralf Dittrich) so intensiv beschäftigt, dass der Handlungsreisende mit seiner Bitte nach einer Versetzung nicht zu ihm durchdringen kann, ist identisch mit dem, welches die Söhne auf ihrem Zimmer stehen haben. Und da ist noch der Nachbarsjunge Bernard (Alexander Maria Schmid), der sich über weite Strecken des Stückes in beobachtender Stellung auf einem der Balkons des Hauses befindet. Kommt er am Anfang mit apathisch-irrem Blick nach unten gestürmt, wirkt er lächerlich, erbärmlich. Als Willy aber bemerkt, dass Bernard ihn durchschaut, wird er trotz seiner ungelenken Bewegungen mächtig, ja übermächtig.

In einer beeindruckenden Filmästhetik schafft Kruse einen nicht abreißenden Strom von Bildern und Szenen, die fließend ineinander übergehen. Die Bühne ist überwiegend im Halbdunkel gehalten, beleuchtet wird so, dass Szenenwechsel wie filmische Überblendungen wirken. Ständig präsent ist eine Toncollage, die Kruse selber „Klangspur“ nennt. Das Geschehen wird nicht nur akustisch untermalt, sondern aktiv mitgestaltet: Das immer wiederkehrende gesungene „There is no buissnes like showbuissnes“ aus dem Hintergrund, Staßengeräusche, Rocksongs und die verbale Imitation einer Schreibmaschine – Genauso viel, wie es auf der vollgeräumten Bühne zu sehen gibt, so viel gibt es auch zu hören. Da wirkt es fast erschreckend, wenn es in Schlüsselszenen plötzlich ganz ruhig ist.

Wo sich der Regisseur nicht an die Vorlage hält, da radikalisiert er sie und denkt sie weiter. Bei Miller erfahren wir nicht, was der Handlungsreisende verkauft. Bei Kruse öffnet sich sein Koffer, und heraus fallen billige Plastikzahnbürsten. Noch nicht einmal das, womit Willy Loman handelt, hat einen Wert. Demütigender lässt sich die Diskrepanz zwischen Lomans Erfolgsphantasien und der Realität nicht zeigen. So bleibt die Inszenierung ganz nah am Sinnzentrum der Vorlage.

Assoziative Motivketten lassen uns tiefer in das Gewebe der Inzenierung eindringen: Wenn auf den Holzpflöcken Blumenstäuße geköpft werden und Blumen auf dem Treppengeländer in einem gigantischen Blumenregen zerschlagen werden, dann erleben wir die Zerstörung von Natur und Alltag – und sehen dabei wunderschön ästhetische Bilder.

Liebevoll und als eigenes kleines Kunstwerk ist auch das Programmheft gestaltet: Assoziativ zusammengestellte Texte und Zitate von Shakespeare bis Bob Dylan und Schiller bis Helge Schneider erschließen uns einen Blick in die Denkfabrik Kruses. Und wenn dann auf der Bühne nach Lomans Beerdigung alle in einer furiosen Party zu „Starfucker“ von den Rolling Stones abtanzen, dann können wir Keith Richards zitieren: „And when I die, I go to heaven, ’cause I had spend my time in hell.“

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