Blasse Götter im Schnee

17. September 2001 | Von admin | Kategorie: Kultur

Das Bochumer Prinz-Regent-Theater auf der Suche nach dem Licht – Sybille Broll-Pape inszeniert Jan Demuths „Namasté“. Von Rolf van Raden.

Wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Die Zeiten der Gottesfürchtigkeit sind endgültig vorbei. Im Glauben, dass fast alles möglich ist, taumelt der erfolgreiche Mitteleuropäer durch sein Leben, und so lange alles gut geht, hat er fast das Gefühl, selbst ein Gott zu sein. So lange alles gut geht.

Auf der Suche nach einem Plot für sein neues Stück könnten Jan Demuth diese Gedanken durch den Kopf gegangen sein. „Namasté oder: Götter die vom Schlitten rutschen“ ist die zweite Auftragsarbeit des 31-jährigen Bochumers für das Prinz-Regent-Theater. Seinen Figuren hat er göttliche Namen verpasst: Zum einen ist da der liberale Politiker Thor (Stefan Preiss), dessen Partei sich aufgelöst hat. Gemeinsam mit der HIV-positiven Ex-Fernsehmoderatorin Freya (Ute Kaiser) und dem erfolglosen Lyriker Theo (Christoph Wehr) wurde er aus der Wohnung geworfen. Makabere Aussichten: Freya, dem Namen nach eigentlich die nordische Göttin der sinnlichen Liebe, wird an AIDS sterben. Sie und Theo stehen zusammen mit Thor, eigentlich der germanische Wettergott, im Schnee und frieren. In einem abgelegenen Jugendheim finden die drei gefallen Götter eine Unterkunft. Eher durch Zufall nehmen sie einen Jugendlichen als Geisel und sperren ihn in eine Metallkiste. Als die Eltern kein Lösegeld zahlen wollen, schlägt der Lyriker vor, den Jungen zu schlachten und zu verspeisen.

Weil man für ein Theaterstück schließlich ein Leitmotiv braucht, muss der Gruß der indischen Nachmieterin herhalten: „Namsté“ ist Sanskrit und bedeutet „Ich ehre das Licht in dir“. Etwas gezwungen lässt Jan Demuth die Figuren immer wieder darauf zurückkommen. Dafür konstruert er als guter Handwerker abwechslungsreiche Dialoge mit amüsanten Wortspielen. Die Darstellung der Charaktere bleibt dabei leider in Ansätzen stecken.

Auch Sibylle Broll-Pape verpasst die Chance, die Handlung zu kontextualisieren. Woran liegt es, dass es den Dreien so mies geht? Der Spielraum, den das Stück der Regesseurin ob seiner Einfachheit lässt, wird nicht genutzt. So bleiben die Figuren ziemlich eindimensional: Der Lyriker ist nur ein bißchen zynisch, gibt sich mal böse wie Mephisto und mal wie ein schlechter Faust. So stellt man ihn sich eben vor, den gescheiterten Dichter. Zum vollständigen Stereotyp fehlt nur noch die Schnapsflasche. Die Ex-Fernsehmoderatorin ist auch nur etwas verzweifelt, will sich ein wenig das Leben nehmen und ist doch ganz froh, die beiden Männer unter ihrer Fuchtel zu haben. Da bleibt dem Ex-Politiker wohl nichts anderes mehr übrig, als wie aus einer RTL-Comedy-Show entsprungen zu wirken. Zur vierten Hauptfigur etabliert sich währenddessen die Metallkiste. Sie ist ständiger Bezugspunkt auf der Bühne. Abwechselnd funktioniert sie als Götzenbild des schlechten Gewissens und als eine Marienstatue, der die gescheiterten Götter ihr Unglück anvertrauen und um Hilfe bitten.

Geiselnahme und Kannibalismus – Was sich auf dem Papier recht extremistisch anhört, wirkt in Sybille Broll-Papes Inszenierung seltsam normal. Viel mehr wundert man sich über das große rosa Kaninchen, das zuweilen auf der Bühne auftaucht und wieder verschwindet. Trotz allem verliert die Inszenierung nicht an Schwung und ist deswegen nett anzusehen. Das winterliche Bühnenbild mit den vier großen, rechteckigen Säulen ist angemessen schlicht gehalten und bietet den Schauspielern doch genügend Gelegenheit, sich im Schnee zu wälzen oder sich mit Schneebällen zu bewerfen. Geschickt bricht die Regisseurin durch Musik- und Tanzeinlagen die Statik des Stückes auf. Da geben sich die Figuren dem Tango hin oder lassen eine vergangene Liebe zu „When A Man Loves A Woman“ wieder aufleben. Und selbst wenn es dann gegen Ende noch einmal richtig kitschig wird, als ein junges Mädchen in weißem Kleid (Lena Pape) wie ein Engel aus der Metallkiste hervorsteigt, dann nimmt man es der Regisseurin nicht wirklich übel. Denn Sybille Broll-Pape gibt sich mit 90 Minuten zu frieden, wo nicht mehr zu erzählen ist. Da könnte sich ein anderer Bochumer Regisseur eine Scheibe von abschneiden.

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