Theater in Zeiten der der New Economy
22. Juni 2001 | Von admin | Kategorie: KulturNoch ein Botho Strauß auf der Bühne des Bochumer Schauspielhauses – Matthias Hartmann serviert vier Stunden Literaturtheater des Übervaters. Von Rolf van Raden.
Man nehme: Einen größenwahnsinnigen Autor, eine Drehbühne, den zweitwichtigsten Darsteller einer Sat.1-Krimiserie und 30 weitere Schauspielerinnen und Schauspieler in mehr als 100 Rollen. Ob dies die Zutaten für großes Theater sind, sei dahingestellt. Mit diesen Ingredienzen serviert jedenfalls Matthias Hartmann dem Bochumer Publikum wieder einmal einen Anlass, um ekstatisch zu klatschen. „Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia“ heisst das neue Stück von Botho Strauß. Gegen die vierstündige Inszenierung fällt dieser ausladende Titel allerdings durch seine angenehme Kürze auf.
Was wir in dem gigantisch roten und leeren Bühnenbild von Erich Wonder vorgeführt bekommen, beeindruckt immerhin in den ersten Minuten. Ein paar Möbelstücke gleiten bei atmosphärischen Klängen in die vorgesehene Stellung, während sich die Bühne dreht – ein netter Effekt. So konstituiert sich ein Hotel namens „Confidence“, welches alleiniger Ort der Handlung ist. Doch dann geht es los – und will nicht mehr aufhören.
Die Handlung ist so banal wie schnell erzählt. Der windige und doch charmante Kleinverleger Zacharias Werner (gespielt von Kommissar Rex-Star Tobias Moretti) wirbt um die ambitionierte junge Autorin Sylvia Kessel (Dörte Lyssewski). Sein Leben besteht aus dem Kampf, auf dem Buchmarkt gegen den Branchenriesen Alfred Brigg zu bestehen. Er überredet die naive Schriftstellerin, bei ihm zu veröffentlichen und beginnt nebenbei eine Affäre mit ihr – um letztendlich doch zu scheitern und von Alfred Brigg aufgekauft zu werden. Das ist aber halb so schlimm, denn er wird Programmleiter bei Brigg und kann er seine Bücher im Großkonzern veröffentlichen. Bis dieser von einem spanischen Unternehmen geschluckt und Werner gefeuert wird. Aber auch das ist halb so schlimm, denn er erhält eine großzügige Abfindung. So kann er als Kleinverleger wieder neu anfangen.
Auf den 143 Druckseiten lässt Botho Strauß den Verleger und seine Autorin immer wieder im Hotel aufeinander treffen. Dabei ergeht es ihnen wie den anderen 100 anderen Figuren auch: Hotelgäste, Schauspielerinnen, Praktikantinnen, falsche und echte Liftboys, Busfahrer, reiche Erbinnen und Handybenutzer müssen mäßig komische Dialoge sprechen. In diesem Durcheinander sind die Hauptfiguren eigentlich gar keine. Aus dem Zettelkasten des literarischen Repertoires scheinen sie unmotiviert in das Hotel geschüttet. Was uns Strauß als „comédie humaine“ verkaufen möchte, das sind Zitate und Anspielungen aus 3000 Jahren Kulturgeschichte. Dabei wirken sie genauso willkürlich wie die Figurenkonstellationen. Dennoch schaffen es Dörte Lyssewski und Tobias Moretti zuweilen nicht nur, durch ihr überzeugendes Spiel einigen Szenen so etwas wie Leben einzuhauchen. Sie verhindern dabei auch noch, dass größere Teile des Publikums einschlafen. Und das ist sicher nicht einfach bei vier Stunden eintönigem Literaturtheater. Denn gespielt wird, was der heilige Übervater Strauß geschrieben hat. Streichungen von Szenen scheinen ebenso tabu zu sein wie kreative Regieeinfälle.
Eine Geschichte von „Liebe in Zeiten der New Economy“ sei der neue Strauß, verkündete Matthias Hartmann Ende Januar im „Spiegel“. Da ist es ja nur konsequent, wenn die Inszenierung nicht die Vorstellungswelt eines gelangweilten Börsenmaklers übersteigt.
Übung hat Hartmann ja im Theater für die Aktienmärkte: Auf der EXPO 2000 inszenierte er den Siemens Live-Event „If We Could Know“. Konsequenter Weise arbeitet er in seiner ersten Bochumer Spielzeit mit einem Internet-Start-Up zusammen. Eigenen Angaben zufolge hat das Unternehmen das „Identety Engeneering“ für Hartmann übernommen. Zu „Pancomedia“ steuert es eine Internetseite mit virtuell begehbarem Bühnenbild und eine Audio-CD bei. Während der Internet-Auftritt inzwischen nicht mehr erreichbar ist, können wir auf der CD die schlechte Klangkollage aus einem rauschenden Hartmann-Interview und qualitativ minderwertigen Aufnahmen aus den Proben hören. Aber das ist egal, denn das Medium ist die Botschaft und das neue Bochumer Schauspielhaus gibt sich modern. Da tut es nichts zur Sache, dass Hartmanns Regiekonzept von gestern ist.
Liebe in Zeiten der New Economy? Was Hartmann zeigt, ist eher New Economy in Zeiten der New Economy. Das ist trendy, tut keinem weh und verkauft sich gut. Beim Verlassen des Theaters sieht man das Glänzen in den Augen des Publikums, das nun sagen kann, hohe Kultur genossen zu haben. Hartmanns Modernität kommt auch bei den älteren Zuschauerinnen und Zuschauern an. Denn an globale Marktwirtschaft und Ästhetik aus der Fernsehwerbung haben sich inzwischen alle gewöhnt.
