Von Künstlern und Terroristen

22. März 2001 | Von admin | Kategorie: Kultur, Politik & Gesellschaft

In Neuss soll ein kurdisches Kulturzentrum für Europa entstehen. Geld ist vorhanden. Doch ein türkischer Kulturverein macht mobil. Er warnt vor einem Militärlager der PKK. Auch die CDU hat Bedenken. Von ROLF VAN RADEN, erschienen in taz nrw, 22.03.01

NEUSS taz. Jamal Abdo ist Künstler. Und Kurde. Seine Plastiken und Bilder setzen sich aus bunt gefärbten Eiern zusammen. Sie beschäftigen sich mit der kurdischen Kultur und Geschichte. Viele Eier sind zerschlagen. „Die stellen die Toten dar“, sagt Abdo. Ein Bild bezieht sich auf die Gefangennahme des PKK-Chefs Abdullah Öcalan. Dass der kurdische Künstler deswegen von türkischen Mitbürgern als Terrorist bezeichnet wird, akzeptiert er nicht. „Ich lege doch nur Eier, keine Bomben.“

Jamal Abdo ist Mitglied des Vereins zur Förderung der Kurdischen Sprache und Kultur. Am dritten März hat sich der Verein gegründet, um in Neuss ein kurdisches Kulturzentrum für Europa zu errichten. 20 Millionen Mark sind für das Bauvorhaben veranschlagt. Das Zentrum soll unter anderem der Standort für das Kurdische Nationalarchiv und das Kurdische Nationalorchester werden. Neben einem großen Saal mit 800 Sitzplätzen sind Tagungsräume, ein kleiner Saal mit 100 Sitzplätzen sowie ein Ton- und ein Fernsehstudio vorgesehen. Finanzieren möchte der Verein das Projekt aus Spenden, die europaweit gesammelt werden. Die Vereinigung Kurdischer Kaufleute in der Schweiz und der Kurdische Arbeitgeberverband in Frankreich haben ihre Unterstützung signalisiert.

Der Neusser Gemeinnützige Türkische Kulturverein erhebt schwere Vorwürfe gegen die Planer des Kulturzentrums. In einem Brief an die Parteien warnt der Verein davor, dass die PKK versuche, in Neuss ein „politisches und militärisches Hauptquartier“ zu eröffnen. Durch dieses „Zentral-Lager“ würden türkische und deutsche Extremisten in die Stadt gelockt und die Schutzgelderpressung würde zunehmen. Ausserdem könne Neuss durch den Bau eine „Drogenhochburg“ werden, weil die PKK sich auch durch Drogenhandel finanziere.

Der Fraktionsvorsitzende der SPD-Ratsfraktion, Reiner Breuer, hält diese Unterstellungen für ein „starkes Stück“. Der türkische Verein habe bis jetzt keine Beweise für die Vorwürfe vorgelegt. Breuer sieht keinen Grund, die Initiatoren des Kulturzentrums in die Nähe einer terroristischen Vereinigung zu rücken. Im Gegenteil habe er mit dem bis jetzt auf dem Grundstück ansässigen „Haus der kurdischen Künstler“ gute Erfahrungen gemacht. Dem stimmt Hans-Willi Arnold, Pressesprecher der Kreispolizeibehörde, zu: „In Einvernehmen mit dem Düsseldorfer Staatsschutz kann ich sagen, dass es mit dem bis jetzt dort ansässigen kurdischen Verein keinerlei Probleme gegeben hat.“

Die CDU-Ratsfraktion äussert sich offiziell zurückhaltend. Zur letzten Ratssitzung legte sie einen Antrag vor, mit dem der Bebauungsplan so geändert werden sollte, dass auf dem Grundstück keine Anlagen für kirchliche, kulturelle und soziale Zwecke errichtet werden dürfen. Als Gründe wurden städtebauliche Bedenken genannt. Die CDU-Ratsverordnete Waltraud Beyen äußert sich eindeutiger. Sie teilt die Bedenken der türkischen Vereine. Gegen ein lokales Kulturhaus habe sie nichts einzuwenden. „Aber ein internationales Zentrum gehört nach Berlin, Paris oder Frankfurt, nicht nach Neuss.“ Ausserdem würden die Kurden einseitig provozieren. Sie hätten eine Ausstellung mit Bildern von gefolterten Menschen aus der Türkei organisiert und von unschuldigen Opfern gesprochen. Dabei wisse man doch nicht, ob die Opfer nicht Terroristen gewesen seien.

Der Architekt Ulrich Krüger-Limberger hält solche Äußerungen für völlig unverständlich. Momentan befindet er sich in Verhandlungen mit den Besitzern der angrenzenden Grundstücke. Das Kulturzentrum soll über die Privatbahn eines in der Nachbarschaft ansässigen Unternehmens erschlossen werden. Auch über die Nutzung von Parkplätzen wird verhandelt. Man sei auf gutem Wege zu einer Einigung, sagt der Architekt. „Wenn Politiker und Verwaltung zustimmen, können wir im Herbst mit den Bauarbeiten beginnen.“ 16 Monate später soll das kurdische Zentrum fertig gestellt sein.

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